Justiz und NS-Verbrechen Bd.XLIX Verfahren Nr.920 - 924 (2002 - 2012), 880 (Erratum), 950 - 959 (1945 - 1960; Nachtragsverfahren)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.924    LG München II    12.05.2011    JuNSV Bd.XLIX S.320

Der Sachverständige legte dar, dass anhand vielfältiger urkundentechnischer Auffälligkeiten zweifelsfrei davon auszugehen sei, dass die vier Ausweisformulare aus derselben Produktionscharge stammen würden.

 

Der Ausweisvordruck sei im klassischen Hochdruckverfahren hergestellt worden. Er weise insgesamt fünf verschiedene Schriftarten auf, worunter die Schrift "Antykwa" sicher als polnische Schriftart zu identifizieren sei. Die Druckschrift "Memphis" zeige sich etwa bei den Begriffen "Dienstausweis Nummer" und "Der Beauftragte.", die Druckschrift "Mars" etwa bei den Begriffen "Empfangene Ausrüstungsgegenstände" und "Familienname", die Kursivvariante der polnischen Schriftart "Antykwa", auch "Poltawskiego Antykwa" genannt, etwa in den Begriffen "Hauptsturmführer" und "ausgegeben / richtig empfangen", ferner eine Variante der "Antykwa"-Schrift zum Beispiel bei der Bezeichnung der Ausrüstungsgegenstände sowie eine Variante der Schriftart "Grotesk" etwa im Platzhalter für das Dienstsiegel, wobei bei diesem Druckbild zudem eine innerschriftliche Abweichung festzustellen sei.

 

Das Druckbild zeige deutlich Individualitätsmerkmale. So seien die Typen für die SS-Runen und die Umlautzeichen, etwa beim Begriff "Stützpunkt", handgefertigt worden - möglicherweise aus Holz, was durchaus üblich gewesen sei - und wiesen bei allen vier Dokumenten jeweils dieselben individuellen Gebrauchsspuren auf. Ferner seien bei allen vier Dokumenten dieselben Linienunterbrechungen und Druckschwächen bei einzelnen Buchstaben festzustellen. Beim Begriff "Seitengewehr" weise der Buchstabe "w" nicht dieselbe Schriftgrösse auf wie das übrige Wort, was auf denselben Setzfehler und damit ebenfalls auf dieselbe Produktionscharge hindeute.

 

Gerade im Hinblick auf die handgefertigten Einzelzeichen und die festzustellenden Druckschwächen sei auszuschliessen, dass eines der vier Dokumente eine Reproduktion der anderen Vergleichsdokumente sein könnte, da selbst mit den heutigen Herstellungsmöglichkeiten eine solch extrem individualisierte Reproduktion kaum möglich erscheine.

 

Hingegen lasse sich bei den maschinenschriftlichen Eintragungen keine individualisierende Besonderheit feststellen. Das Maschinendruckbild sei einer Schreibmaschine AEG Olympia Typ 12 zuzuordnen, welche ab 1930 hergestellt worden sei. Die Zuordnung der Eintragungen in die vier Untersuchungsdokumente zur selben Schreibmaschine komme in Frage, lasse sich aber nicht sicher bestätigen.

 

Der Sachverständige hat auf dem gesamten Dokument keine Veränderungen festgestellt, die auf eine Rasur oder sonstige nachträgliche Manipulation der Einträge hindeuteten.

 

Während bei den verwendeten Dienstsiegeln keine individuellen Besonderheiten aufgefallen seien, wiesen die auf allen vier Vergleichsdokumenten aufgebrachten Gummistempelabdrucke mit den Texten

"Dienstsitz Lublin Ausbildungslager Trawniki"

und

"Wird der Inhaber dieses Ausweises ausserhalb des angegebenen Standortes angetroffen ist er fest zu nehmen und der Dienststelle zu melden."

mehrere individuelle Besonderheiten auf. So sei etwa das zweite "i" im Wort "Dienstsitz" ebenso defekt, wie der Buchstabe "i" in der dritten Zeile des Stempels mit dem längeren Text. Ausserdem zeigten sich mehrfach Justierungsdefekte, etwa beim Buchstaben "u" im Wort "Lublin" und beim Wort "Ausweises", bei denen jeweils die Einzelbuchstaben nicht sauber auf einer gedachten Unterlinie lägen. Ferner seien teilweise auch Randschwächen festzustellen, die auf eine Stempelabnutzung hindeuten würden. Es bestehe damit insgesamt kein Zweifel, dass die vier Vergleichsausweise formularmässig aus derselben Produktion stammen und die Stempelaufdrucke jeweils mit denselben Stempeln aufgebracht worden seien.