Justiz und NS-Verbrechen Bd.XLIX Verfahren Nr.920 - 924 (2002 - 2012), 880 (Erratum), 950 - 959 (1945 - 1960; Nachtragsverfahren)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.924    LG München II    12.05.2011    JuNSV Bd.XLIX S.235

Transporte wurden zahlenmässig erfasst, um mit der Reichsbahn abrechnen zu können. Unterlagen über die Identität der transportierten Personen gab es nicht, ausser sie wurden von der jüdischen Verwaltung am Ort des Abtransports geführt, wie z.B. im Lager Westerbork in den Niederlanden.

 

III. Ausbildungslager Trawniki 97

 

Da die Aktionen gegen die Juden ebenso wie sonstige Sicherungsmassnahmen von den Angehörigen der SS und Polizei nicht bewältigt werden konnten, bedienten diese sich sog. fremdvölkischer Hilfswilliger, die in Kriegsgefangenenlagern angeworben oder von dort abkommandiert und im Ausbildungslager Trawniki in dem eigens hierfür in der Nähe von Lublin eingerichteten Lager Trawniki in Wachdiensten ausgebildet wurden. Diese Hilfswilligen werden im Folgenden "Trawniki-Männer" genannt.

 

1. Einrichtung und Verwaltung

 

Schon im Juli 1941 gab Himmler den Befehl, in den Kriegsgefangenenlagern Leute zur Bildung von Schutzformationen vornehmlich unter den Sowjetdeutschen, den Bewohnern der Baltenländer und Ukrainern auszusuchen.

 

Zu diesem Zweck wurde etwa 36 Kilometer östlich der Stadt Lublin in der Nähe des Dorfes Trawniki neben einem schon bestehenden Arbeitslager für jüdische Häftlinge auf dem Gelände einer verlassenen Zuckerfabrik ein weiteres Lager errichtet. Es erhielt den offiziellen Namen "Ausbildungslager der SS". Lagerkommandant war zunächst Hermann Höfle, ab Oktober 1941 bis zur Auflösung im Juli 1944 SS-Hauptsturmführer bzw. Sturmbannführer Karl Stre. 98, der Globocnik direkt unterstand. Im Ausbildungslager waren etwa 40 deutsche Funktionäre als Führer, Ausbilder und in der Verwaltung tätig. Sie entstammten teils der SS, teils der Schutzpolizei.

 

Nach dem weitgehenden Abschluss der Massenmorde an den Juden und der Versetzung Globocniks nach Triest im August 1943 wurde das Lager dem SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamt 99 unterstellt, das auch für die Verwaltung der Konzentrationslager zuständig war. Vom Herbst 1943 an und vor allem nach der Auflösung der Vernichtungslager der "Aktion Reinhardt" und der Ermordung der letzten dort tätigen jüdischen Zwangsarbeiter in der sog. "Aktion Erntefest" am 3./4.November 1943 wurden immer mehr Trawniki-Männer in Konzentrationslager im Reich und in den besetzten Gebieten versetzt.

 

2. Rekrutierung der Wachleute

 

Die Rekrutierung der Trawniki-Männer erfolgte häufig schon kurze Zeit nach der Gefangennahme in den Kriegsgefangenenlagern.

 

Die ersten rekrutierten Kriegsgefangenen waren vornehmlich deutschstämmige oder deutschsprachige Soldaten nichtrussischer Nationalität, von denen eine gegnerische Einstellung zum sowjetischen Regierungssystem erwartet wurde. Bis Mitte 1942 stieg die Zahl auf rund 1250. Mit dem Krimfeldzug und der Sommeroffensive im Süden ab Mai 1942 wurden nochmals

97 Zum Ausbildungslager Trawniki siehe auch Verfahren Lfd.Nr.833.

98 Stre. und fünf andere wegen ihrer Tätigkeit im Ausbildungslager Trawniki bzw. als Führer von Trawniki-Einheiten in Vernichtungslagern und bei sog. Ghettoräumungen Angeklagte wurden 1976 vom LG Hamburg freigesprochen; siehe Lfd.Nr.833.

99 Kurz: SS-WVHA.