Justiz und NS-Verbrechen Bd.XLIX Verfahren Nr.920 - 924 (2002 - 2012), 880 (Erratum), 950 - 959 (1945 - 1960; Nachtragsverfahren)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.924    LG München II    12.05.2011    JuNSV Bd.XLIX S.300

habe er wenige Stunden nach der Ankunft den "faulig riechenden Nebel" der Krematorien und in der Luft die "Asche von verbranntem Fleisch" wahrgenommen.

 

Er, der Zeuge, sei häufig zum Haare schneiden im Bereich vor dem "Lager III" eingesetzt gewesen. Hierbei habe er festgestellt, dass die meisten offenbar ihr bevorstehendes Schicksal nicht gekannt hätten. Erst nachdem die Menschen in den Gaskammern gewesen seien und der Motor zu laufen begonnen habe, habe man aus der Masse der eingepferchten Menschen laute Schreie gehört, die im Laufe der folgenden Zeit dann immer leiser geworden seien.

 

Der Geruch von verbrannten Leichen sei schier unerträglich gewesen.

 

Bei den ankommenden Transporten habe es Unterschiede gegeben. Die Menschen in den Zügen aus Polen seien in Viehwaggons eingepfercht und häufig entkräftet gewesen, wobei in diesen Transporten fast immer auch einzelne Menschen bereits tot angekommen seien. In diesen Zügen habe sich teilweise bereits Verwesungsgeruch entwickelt gehabt. Hingegen hätten die Deportierten speziell aus Holland persönliche Gegenstände und teilweise Reisegepäck mit sich geführt. Sie seien meist müde, aber froh über die Ankunft gewesen und hätten an der Rampe auch einen positiven Eindruck vermittelt und Hilfe beim Aussteigen bekommen.

 

Das Entladen der Opfer und auch der weitere Vernichtungsvorgang habe unter Aufsicht der deutschen Befehlshaber und speziell auch der so genannten "Ukrainer", also der Hilfswilligen aus Trawniki, stattgefunden. Letztere seien auch sonst bewaffnet gewesen und hätten die Aussensicherung des Lagers und sonstige Überwachungsaufgaben übernommen. Die Arbeitshäftlinge seien miserabel behandelt und vielfach geschlagen und schikaniert worden.

 

cc) Beiden Zeugen war bei ihrer Aussage jeweils anzumerken, dass sie trotz ihres mittlerweile hohen Alters die damaligen Geschehnisse derart verinnerlicht haben, dass sie sich auch aktuell noch klar und detailliert an einzelne Aspekte und Umstände ihrer Gefangenschaft erinnern konnten. Der Zeuge Thomas Bla. hat über das Lager Sobibor unter Hervorhebung des dortigen Aufstandes im Oktober 1943 und dessen Vorgeschichte ein Buch verfasst und vielfach Vorträge gehalten. Er hat dementsprechend auch im Rahmen seiner Einvernahme das Geschehene ausführlich bekundet. Der Zeuge Philip Bia. war in seinem Aussageverhalten eher zurückhaltend, wobei es ihm ersichtlich schwer fiel, über seine Erlebnisse zu berichten. Trotz des unterschiedlichen Aussageverhaltens, wobei die beiden Aussagen inhaltlich nicht in relevanter Form voneinander abwichen, wirkten die Angaben beider Zeugen beeindruckend authentisch. An eine Anwesenheit des Angeklagten in Sobibor vermochten sich beide nicht zu erinnern.

 

dd) Zweifel an den Aussagen der Zeugen Thomas Bla. und Philip Bia. ergeben sich auch nicht aus den verlesenen Vernehmungen anderer ehemaliger Arbeitshäftlinge; deren Schilderungen weichen inhaltlich nicht ab.

 

(1) Israel Trager, seinerzeit 37 Jahre alt, war von März 1943 bis zum Aufstand im Oktober 1943 im Lager Sobibor. Er war auf Grund seiner Angabe, Maurer zu sein, ausgesondert worden. Er gab in seiner Vernehmung vom 16.Juni 1965 an, dass fast täglich Menschentransporte aus Holland und anderen Ländern angekommen seien. Die Menschen aus den Transporten seien alle in das "Lager III" zur Liquidierung geleitet worden. Er habe beim Bau eines Schornsteins die Verbrennungen im "Lager III" mitbekommen.

 

(2) Berek Dow Freiberg berichtete in seiner Vernehmung vom 30.Mai 1976, dass er nach seiner Flucht aus dem Ghetto Warschau im Mai 1942 als 15-jähriger mit 3000 Juden nach Sobibor transportiert worden sei. Er sei dort mit rund 80 bis 100 Leuten als Arbeitshäftling aussortiert worden und bis zum Aufstand im Oktober 1943 im Lager gewesen. Etwa ein Jahr