Justiz und NS-Verbrechen Bd.XLIX Verfahren Nr.920 - 924 (2002 - 2012), 880 (Erratum), 950 - 959 (1945 - 1960; Nachtragsverfahren)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.924    LG München II    12.05.2011    JuNSV Bd.XLIX S.290

b) Die Opfer

 

Der einzige Zweck des Lagers Sobibor sei die Tötung von Menschen gewesen.

 

Wegen der Vielzahl der zu erwartenden Opfer habe man auf die Tötungstechnik der im Reichsgebiet betriebenen "Euthanasie" zurückgegriffen. Zunächst habe man die dort verwendete Vergasungsmethode praktiziert. Bereits seit etwa November 1941 habe man Menschen in Westpolen 134 und in der Sowjetunion 135 in sog. "Gaswagen" getötet, also in umgebauten Lastkraftwagen mit Kastenaufbau, in deren Laderaum die Opfer gepfercht und mit eingeleiteten Abgasen erstickt worden seien. Im Konzentrationslager Auschwitz sei seit etwa September 1941 das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B zur massenhaften Tötung von Menschen in abgedichteten Räumen eingesetzt worden. Für die "Aktion Reinhardt" habe man die Variante gewählt, Abgase grösserer Motoren in stationäre Gaskammern einzuleiten, wobei in Sobibor der schwere Benzinmotor eines Panzers oder einer Zugmaschine verwendet worden sei. Im "Lager III" sei ein festes Gebäude mit Betonfundament errichtet worden, in dem sich zunächst drei Gaskammerräume befunden hätten.

 

Bereits im April 1942, also noch in der Aufbauphase des Lagers, sei bereits eine Gruppe Juden nach Sobibor gebracht und in einer sog. "Versuchsvergasung" getötet worden. Ende April / Anfang Mai 1942, wahrscheinlich am 3.Mai 1942, habe die systematische Massentötung in Sobibor begonnen. Zunächst seien Juden aus verschiedenen Landkreisen des Distrikts Lublin nach Sobibor gebracht und dort unmittelbar nach ihrer Ankunft getötet worden. Schon kurze Zeit später seien Juden auch aus anderen Regionen nach Sobibor gebracht worden. Auch seien Transporte, die ursprünglich in das Vernichtungslager Belzec hätten führen sollen, nach Sobibor umgeleitet worden, weil das Vernichtungslager Belzec seit Mitte Mai 1942 umgebaut worden sei.

 

Mitte Juni 1942 seien jedoch auch die Transporte nach Sobibor vorübergehend unterbrochen gewesen, weil die Reichsbahn wegen der Sommeroffensive der Wehrmacht im Süden der Sowjetunion eine Transportsperre verhängt habe und ferner auch Gleisbauarbeiten an der eingleisigen Bahnstrecke im Bereich von Sobibor erforderlich geworden seien. In dieser Zeit habe es zwar gleichwohl einzelne Todestransporte gegeben, jedoch nicht regelmässig.

 

Zwischen Juli und Oktober 1942 sei das Lager Sobibor ausgebaut worden. Ähnlich wie zuvor schon im Lager Belzec sei nun auch in Sobibor ein neues grösseres Gebäude mit Gaskammern installiert worden. Dieses sei nun doppelt so gross gewesen wie das alte Gebäude und habe sechs Gaskammern mit je etwa 4 x 4 Metern Ausmass enthalten. Ferner sei in dieser Zeit auch die Bahnrampe für die ankommenden Transporte erbaut worden.

 

Anfang Oktober 1942 seien wieder regelmässig Todestransporte nach Sobibor gekommen, bis November 1942 in hoher Frequenz und sodann bis Februar 1943 während einer Wintertransportsperre nur noch an einzelnen Tagen.

 

Am 12.Februar 1943 habe Himmler das Lager Sobibor besucht und sich eine Tötungsaktion vorführen lassen. Dieser habe auch einige Monate nach seinem Besuch gefordert, das Lager Sobibor in ein Konzentrationslager umzuwandeln und dort Munitionsarbeiten durchführen zu

134 Siehe die westdeutschen Verfahren JuNSV Lfd.Nr.231, 594, 603 und das ostdeutsche Verfahren DJuNSV Lfd.Nr.1159.

135 Siehe die westdeutschen Verfahren JuNSV Lfd.Nr.298, 526, 552, 560, 602, 624, 656, 658, 702, 703, 720, 750, 765, 769, 807, 809, 816 und die ostdeutschen Verfahren DJuNSV Lfd.Nr.1018, 1024, 1082.