Justiz und NS-Verbrechen Bd.XLIX Verfahren Nr.920 - 924 (2002 - 2012), 880 (Erratum), 950 - 959 (1945 - 1960; Nachtragsverfahren)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.924    LG München II    12.05.2011    JuNSV Bd.XLIX S.286

zu einer Überschreitung der Urlaubszeit komme und Wachmänner deshalb erneut darüber zu belehren seien, dass ein solches Verhalten als unerlaubtes Fernbleiben gelte und mit Arrest bestraft werde. Anhaltspunkte für eine gravierendere Strafdrohung ergaben sich - wiederum abgesehen von Fällen der Desertion (mit Waffe) - auch hieraus nicht.

 

Diese und weitere nicht durch Einzeldokumente nachgewiesene Fluchten finden ferner Niederschlag in Listen flüchtiger Wachmänner. So weist etwa das als "Liste der Flüchtigen bis 30.Juli 1943 Stichtag 9.August 1943" bezeichnete Dokument 42 Namen auf. Ein Fahndungsersuchen Stre.s vom 10.August 1943 führt 13 flüchtige Wachmänner namentlich auf. In einem Rundschreiben Nummer 22/43 vom 15.Dezember 1943 teilte der Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD für den Distrikt Lublin die Namen und Personendaten von 77 polizeilichen Hilfskräften mit, darunter gut 30 Wachmänner des Ausbildungslagers Trawniki, die zur Festnahme ausgeschrieben wurden.

 

Insgesamt bestätigen diese Dokumente die Ausführungen des Sachverständigen Dr. P., dass regelmässig und nicht nur in unbedeutender Anzahl einzelne Wachmänner des Ausbildungslagers Trawniki von ihren jeweiligen Einsatzorten geflohen oder nach einem Ausgang nicht ordnungsgemäss zu ihrem Dienst zurückgekehrt sind und dauerhaft verborgen blieben.

 

Solche Fluchten wurden auch in den Personalunterlagen vermerkt. So enthalten etwa die Personalbögen

 

- des Iwan Chapajew, Nummer 1687, eine Fahndungsmeldung vom 24.April 1944 und die Verfügung vom 17.Mai 1944, dass das diesbezügliche Verfahren vorläufig eingestellt ist,

- des Jaroslau Kosak, Nummer 4456, die ihn und drei weitere Wachmänner betreffende Mitteilung über die Flucht vom 18.November 1943 sowie eine weitere - bereits als Formular vorgedruckt vorgesehene - "Meldung über unerlaubte Entfernung / Fahnenflucht", gezeichnet von Stre. am 27.November 1943,

- des Iwan Saniuk, Nummer 4819, die Fluchtmeldung vom 24.Juni 1944, die Fahndungsmeldung vom 27.Juni 1944 und die Einstellungsverfügung vom 03.Juli 1944,

- des Iwan Knysch, Nummer 1892 die Fahndungsmeldung vom 17.Juni 1944 sowie die vorläufige Einstellung vom 04.Juli 1944 und

- des Boris Safronow, Nummer 1998, die Fahndungsmeldung vom 22.April 1944 sowie die Einstellungsverfügung vom 3.Mai 1944.

 

Ferner sind Fluchten oder auch das Ableben auf den Personalbögen jeweils auf der ersten Seite in der Kopfzeile mit Maschinenschrift vermerkt. So finden sich etwa in den Personalbögen

 

- des Iwan Chapajew, Nummer 1687, der Vermerk "Kommando Treblinka flüchtig seit 11.IV.44 / Waffen hat er bei sich /",

- des Jaroslau Kosak, Nummer 4456, der Vermerk "Seit 15.November 1943 von Kommando Poniatowa flüchtig.",

- des Iwan Jaschejko, Nummer 4744, der Vermerk "Seit 09.08.43 von Trawniki flüchtig. Bei Gendarmerie zur Fahndung gegeben.",

- des Iwan Saniuk, Nummer 4819, der Vermerk "Flüchtig seit: 15.Juni 44",

- des Konstantin Demida, Nummer 443, der Vermerk: "Seid 126 1.7.43 von SS-Sonderkommando Sobibor flüchtig"; gemäss der in der Personalakte einliegenden Meldung ist er zusammen mit dem Wachmann Karakasch geflohen,

126 Sic!