Justiz und NS-Verbrechen Bd.XLIX Verfahren Nr.920 - 924 (2002 - 2012), 880 (Erratum), 950 - 959 (1945 - 1960; Nachtragsverfahren)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.924    LG München II    12.05.2011    JuNSV Bd.XLIX S.275

Zur Rekrutierung, wenngleich ohne Beschreibung der Zustände in den Kriegsgefangenenlagern, äusserten sich ferner - ebenfalls ohne massgebliche inhaltliche Abweichung:

 

- Prokofij Businij in der Vernehmung vom 8.August 1975: Er sei 1941 gefangen genommen worden; es habe schwere Lebensbedingungen und schlechte Ernährung gegeben; man habe versprochen, besser zu Essen und zum Anziehen zu geben, wenn man in den deutschen Dienst trete.

 

- Iwan Iwtschenko in seinen Vernehmungen vom 27.Juni 1947 und 18.September 1979: Er sei im August 1941 gefangen genommen und Anfang 1942 nach Trawniki gebracht worden. Man habe gesagt, er solle Polizeiwesen lernen.

 

- Nikolai Gontscharenko in der Vernehmung vom 4.Mai 1949: Er sei in Kertsch gefangen genommen worden. Im Lager Rowno sei er durch Deutsche ausgewählt worden. Dabei habe er sich freiwillig gemeldet, weil klar gewesen sei, dass es kein Zurück mehr gebe und sie wohl oder übel der SS dienen mussten.

 

- Semion Charkowskij in der Vernehmung vom 17.September 1980: ab August 1942 hätten die Deutschen begonnen, das Lager Chelm zu besuchen, Leute auszuwählen und schubweise woanders hinzuschicken. Er sei im September 1942 ausgewählt und zusammen mit ungefähr 80 bis 100 Gefangenen nach Trawniki geschickt worden. Dort habe man erzählt, sie würden zu Polizisten ausgebildet.

 

- Pawel Leleko in der Vernehmung vom 18.November 1944: Im August 1942 hätten sich ein Untersturmführer, vier deutsche Offiziere und zwei Ärzte die angetretenen Gefangenen angeschaut und ungefähr 500 zur Gesundheitskontrolle geschickt. Der Untersturmführer habe in einer Rede gefragt, wer bei der Polizei dienen wolle. Er - Leleko - habe sich mit anderen gemeldet.

 

- Trofim Zawidenko in der Vernehmung vom 2.Februar 1961: Im August 1942 habe eine Gruppe von deutschen SS-Offizieren aufgeschrieben, wer in die Wachmannschaft der Waffen-SS eintreten wollte. Er habe zusammen mit 100 anderen geäussert, in der Waffen-SS dienen zu wollen.

 

- Jokow Sawenko in der Aussage vom 11.September 1980: In Chelm sei er mit 500 Gefangenen in einer Baracke untergebracht gewesen. Im November 1941 hätten unbekannte deutsche Offiziere die Gefangenen antreten lassen. Sie hätten 40 bis 50 Männer ausgewählt und nach Trawniki gebracht. Dort habe man ihnen gesagt, dass sie für die SS arbeiten müssten.

 

In ähnlicher Weise wie Sawenko äusserten sich auch

 

- Nikolai Malagon in der Vernehmung vom 2.Oktober 1979 (im Oktober/November 1941 für Trawniki ausgewählt) und

- Nikolai Schalajew in der Vernehmung vom 20.Dezember 1951 (im Dezember 1941 nach Trawniki geschickt).

 

Insgesamt zeigt sich so das Bild einer Kriegssituation speziell für sowjetische Kriegsgefangene, bei der aufgrund äusserst schwieriger Lebensbedingungen und der hohen Wahrscheinlichkeit, die Gefangenschaft nicht zu überleben, das Angebot für eine Tätigkeit als Wachmann mit einer Verbesserung der Lebenssituation jedenfalls subjektiv die einzige sinnvolle Variante war. In diesem eingeschränkten Sinn sind auch die Worte "freiwillig" oder "hilfswillig" zu verstehen.