Justiz und NS-Verbrechen Bd.XLIX Verfahren Nr.920 - 924 (2002 - 2012), 880 (Erratum), 950 - 959 (1945 - 1960; Nachtragsverfahren)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.924    LG München II    12.05.2011    JuNSV Bd.XLIX S.272

Im Ausbildungslager habe eine gemischte Besetzung aus Polizeikräften und aus SS-Kräften bestanden. Von diesen seien die Wachmänner ausgebildet worden. Ferner habe es auch Mitarbeiter in der Kommandantur und in der Verwaltung gegeben. Der Kommandant sei Hauptsturmführer Stre. gewesen, welchem mehrere Polizeibeamte unterstanden seien. In der Kommandantur seien alle Entscheidungen über Einsätze, Versetzungen und Abkommandierungen getroffen worden; ferner habe man dort auch die Personalakten geführt. Die Verwaltung des Lagers sei eine Zweigstelle der SS-Standortverwaltung Lublin gewesen. Der Aufgabenbereich habe die Besoldung der Wachmänner, deren Verpflegung und Bekleidung sowie die Unterkünfte umfasst.

 

Zu Beginn seiner Dienstzeit seien bereits mehrere hundert Wachleute im Ausbildungslager Trawniki gewesen. Diese seien aus den Kriegsgefangenenlagern angeworben worden. Es habe verschiedene Dienstgrade, nämlich Wachmänner, Oberwachmänner, Gruppenwachmänner und Zugwachmänner, gegeben. Die Besoldung sei zwischen diesen Rängen unterschiedlich gewesen; der Sold habe vergleichbaren Rängen bei Soldaten oder SS-Angehörigen entsprochen.

 

Die Anzahl der Wachmänner habe sich verändert, schätzungsweise seien zeitweilig 600 bis 800 Männer im Lager gewesen. Die gesamte Anzahl der in Trawniki ausgebildeten Wachmänner sei ihm nicht genau bekannt, erinnerlich sei jedoch in der ersten Hälfte 1943 die Nummer "3000" an einen Wachmann ausgegeben worden. Jeder Wachmann habe eine laufende Nummer bekommen, welche in chronologischer Reihenfolge vergeben worden sei. Die Nationalität der Wachmänner sei grundsätzlich russisch gewesen, wobei es aber bei den höheren Rängen auch Volksdeutsche, ferner unter anderem auch Ukrainer gegeben habe.

 

Bei der Ausbildung hätten die Wachmänner unter anderem deutsche Kommandos und Exerzieren gelernt.

 

In der Kommandantur sei für jeden Wachmann eine Personalakte und eine Karte aus Karton geführt worden. Von den Wachmännern seien auch erinnerlich zwei Bilder gemacht worden, eines für die Kartei und eines für die Personalakte. Gesonderte Dienstausweise seien ihm nicht bekannt; er selbst habe sein Soldbuch als Dienstausweis gehabt.

 

Er, der Zeuge, sei von der Kommandantur verständigt worden, welche Wachmänner das Ausbildungslager verlassen hätten oder in das Lager zurückgekehrt seien.

 

cc) Die Vernehmungen der Zeugen Leonhardt und Reiss korrespondieren in wesentlichen Zügen miteinander und decken sich zusammenfassend mit den wesentlichen vom Sachverständigen Dr. P. dargelegten organisatorischen und strukturellen Aspekten im Zusammenhang mit der Errichtung des Ausbildungslagers Trawniki.

 

b) Wehrmachtsbefehle betr. Kriegsgefangene

 

Ergänzend zu den Darlegungen des Sachverständigen Dr. P. über die schlechte Behandlung von sowjetischen Kriegsgefangenen wurde die als "Geheim" eingestufte Anordnung für die Behandlung sowjetischer Kriegsgefangener in allen Kriegsgefangenenlagern vom 8.September 1941, ausgegeben vom Oberkommando der Wehrmacht, verlesen. Auszugsweise lautet der Text wie folgt:

 

"Der Bolschewismus ist der Todfeind des nationalsozialistischen Deutschland. Zum ersten Male steht dem deutschen Soldaten ein nicht nur soldatisch, sondern auch politisch im Sinne der Völker zerstörender Bolschewismus geschulter Gegner gegenüber. [...] Dadurch hat der bolschewistische Soldat jeden Anspruch