Justiz und NS-Verbrechen Bd.XLIX Verfahren Nr.920 - 924 (2002 - 2012), 880 (Erratum), 950 - 959 (1945 - 1960; Nachtragsverfahren)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.924    LG München II    12.05.2011    JuNSV Bd.XLIX S.266

Das Lager sei in der knapp 40 Kilometer von Lublin entfernten Kleinstadt Trawniki errichtet worden, wo sich eine zentrale Bahnverbindung befunden und ferner auch bereits ein Gefangenen- und Flüchtlingslager existiert habe. Die Leistungen des späteren Lagerleiters Karl Stre. um die Errichtung des Ausbildungslagers Trawniki seien in einem Vorschlag vom 14.Januar 1942 zur Verleihung des Kriegsverdienstkreuzes zusammengefasst worden:

"Seit dem 27.10.1941 ist Stre. Kommandeur des SS-Ausbildungslagers Trawniki. Den Auf- und Ausbau dieses Lagers hat Stre. mit wenigen SS-Angehörigen mustergültig durchgeführt, so dass in dieser kurzen Zeit bereits über 1.200 fremdvölkische Wachmannschaften ausgebildet wurden."

 

Der Betrieb des Ausbildungslagers selbst sei von etwa 40 deutschen Funktionären, hauptsächlich deutschen Unteroffizieren aus der SS und Polizei, übernommen worden, die zugleich auch für die Ausbildung der Wachmannschaften verantwortlich gewesen seien.

 

b) Rekrutierung

 

Die SS habe schon frühzeitig Interesse an den Kriegsgefangenen gezeigt, um selbst Teile des Kriegsgefangenenwesens, das der Wehrmacht unterstand, unter ihre Kontrolle zu bekommen und ausreichend Hilfskräfte für die Polizei und die SS rekrutieren zu können. Für die Verpflichtung fremdvölkischer Wachmannschaften im Ausbildungslager Trawniki sei Stre. mit seinem Team zu Stammlagern für Kriegsgefangene in der Umgebung, vor allem jene in Chelm, Biala Podlaska, Rowno, Shitomir, Bialystok und Grodno gefahren, um sich dort Kriegsgefangene vorführen zu lassen und aus diesen auswählen zu können.

 

Die Wehrmachtführung habe schon frühzeitig die Kriegsgefangenen nach ethnischen Gruppen getrennt und die Entlassung der Angehörigen solcher ethnischer Gruppen ermöglicht, von denen eine antibolschewistische Einstellung erwartet worden sei, vornehmlich Sowjetdeutsche, Ukrainer und Balten. Zudem hätten die Ukrainer bei der Sommeroffensive 1942 im Südabschnitt einen überproportional grossen Anteil der Kriegsgefangenen ausgemacht, was den Rekrutierungsschwerpunkt bei Ukrainern erkläre.

 

Bei der Rekrutierung seien die Lebensumstände in den Kriegsgefangenenlagern, die der Sachverständige wie oben festgestellt 115 schilderte, ein entscheidender Faktor gewesen.

 

c) Betriebsbeginn

 

Etwa Anfang September 1941 seien die ersten Kriegsgefangenen in Trawniki eingetroffen. Etwa ab Registriernummer 300 bis 400 seien zunehmend auch Ukrainer ins Lager gekommen.

 

Die angeworbenen Kräfte hätten in Trawniki eine Aufnahmeprozedur durchlaufen, die eine Erfassung der Personaldaten in einem Personalbogen mit Foto sowie die Abgabe schriftlicher Erklärungen mit dem in den Feststellungen wiedergegebenen Inhalt 116 umfasst habe. Etwa ab Mai 1943 sei noch die Abgabe der Erklärung gefordert worden, wonach der Wachmann darüber belehrt worden sei, dass er in strafrechtlicher Hinsicht der vorläufigen Dienststrafordnung für Polizeitruppen unterliege und von SS- und Polizeigerichten abgeurteilt werden könne. Dies konnte an Hand der einzelnen Personalakten nachvollzogen werden 117.

115 Siehe oben B II 4 Seite 231.

116 Siehe oben B III 3 a Seite 236 f.

117 Siehe unten C III 2 d aa Seite 276 ff.