Justiz und NS-Verbrechen Bd.XLIX Verfahren Nr.920 - 924 (2002 - 2012), 880 (Erratum), 950 - 959 (1945 - 1960; Nachtragsverfahren)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.924    LG München II    12.05.2011    JuNSV Bd.XLIX S.248

Tatsächlich sind am 15.März 1943 ein Wachmann und am 30.Juni 1943 zwei Wachleute geflüchtet, ohne wieder aufgegriffen zu werden.

 

7. Ende des Lagers

 

Nachdem die "Aktion Reinhardt" weitgehend abgeschlossen schien, plante die SS-Führung im Juli 1943 die Umwandlung des Vernichtungslagers Sobibor in ein Konzentrationslager. Das Vernichtungslager Belzec hatte zu diesem Zeitpunkt seine Tätigkeit schon beendet. Nach dem Aufstand von Häftlingen am 2.August 1943 im Vernichtungslager Treblinka entschloss sich die SS-Führung, auch das letzte Vernichtungslager Sobibor aufzulösen.

 

Durch die geringer werdende Anzahl ankommender Deportationszüge argwöhnisch geworden und in Kenntnis anderer Häftlingsaufstände führten die jüdischen Arbeitshäftlinge in Sobibor am 14.Oktober 1943 unter Leitung eines jüdischen Offiziers der Sowjetarmee einen Aufstand durch, bei dem etwa die Hälfte der SS- und Polizeileute getötet wurde. 320 von 550 Häftlingen konnten trotz Minengürtels und Maschinengewehrfeuer der Trawniki-Männer flüchten, darunter der Nebenkläger Thomas Bla. Simcha Bia. war bereits am 20.Juli 1943 zusammen mit sechs anderen Mitgliedern eines Waldkommandos geflohen und überlebte. In der nachfolgenden Grossrazzia wurden mehrere hundert Juden gestellt und erschossen. Von den Geflohenen haben 48 das Kriegsende erlebt.

 

Die Folge war die Auflösung sämtlicher Zwangsarbeitslager für Juden in den Distrikten Lublin, Krakau und Galizien und die Ermordung der verbliebenen rund 42.000 jüdischen Arbeitshäftlinge in der sog. "Aktion Erntefest" am 2./3.November 1943. Das Lager Sobibor wurde bis auf das Kommandantenhaus demontiert und eingeebnet.

 

V. Der Angeklagte in Sobibor

 

Der Angeklagte war einer der für das Ausbildungslager Trawniki rekrutierten und dort ausgebildeten Kriegsgefangenen. Er wirkte im Tatzeitraum vom 27.März 1943 bis Mitte September 1943 als Wachmann im Vernichtungslager Sobibor an der Vernichtung der dorthin transportierten Juden mit.

 

1. Der Angeklagte als Trawniki-Mann

 

Der Angeklagte wurde kurz nach seiner Gefangennahme im Mai 1942 auf der Halbinsel Krim und kurzen Aufenthalten in Durchgangslagern für Kriegsgefangene im Kriegsgefangenenlager Rowno, vielleicht auch erst im Kriegsgefangenenlager Chelm, von der SS als arbeitsfähig eingestuft, vom Gefangenenlager im Juni 1942 nach Trawniki gebracht und dort im Wachdienst ausgebildet.

 

Im Ausbildungslager Trawniki wurde der Angeklagte unter der Personal- bzw. Erkennungsnummer "1393" registriert. Er gab die gleichen Erklärungen ab wie seine Kameraden 106. Für ihn legte die Lagerverwaltung einen Personalbogen an und stellte ihm einen Dienstausweis auf den Namen Iwan Nikolajewitsch Demjanjuk mit der Erkennungsnummer "1393" und seinem Bild aus.

 

Am 22.September 1942 wurde der Angeklagte zu einem von der SS geführten Gut Okzow abkommandiert, wo er Wachdienste leistete. Zu einem nicht bekannten Zeitpunkt im Herbst

106 Siehe oben B III 3 a Seite 236.