Justiz und NS-Verbrechen Bd.XLIX Verfahren Nr.920 - 924 (2002 - 2012), 880 (Erratum), 950 - 959 (1945 - 1960; Nachtragsverfahren)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.924    LG München II    12.05.2011    JuNSV Bd.XLIX S.241

Im dicht bewaldeten "Lager III" befanden sich die Gaskammern, die Massengräber, und die Unterkünfte der Arbeitshäftlinge des "Sonderkommandos", die ausschliesslich in diesem Lagerteil arbeiteten. Dieser Lagerteil war mit einem eigenen Stacheldrahtzaun umgeben, in den Zweige zu einem regelmässig aufgefrischten Sichtschutz eingeflochten waren. Das "Lager III" wurde gesondert bewacht.

 

Ausserhalb der genannten Lagerbereiche im Nordosten des Geländes, wo im Verlauf des Spätsommers 1943 Gebäude für ein "Lager IV" errichtet wurden, in dem Munition sortiert werden sollte, gab es einen Exekutionsplatz. Wegen einer dort stehen gebliebenen Holzkapelle hiess er "Kapelle".

 

Von der Bahnrampe führte eine Kleinbahn zu den Massengräbern des "Lagers III"; eine weitere Kleinbahn befand sich im "Lager III" selbst, mit der die Leichen von der Gaskammer zu den Massengräbern transportiert wurden.

 

Das gesamte Lager war von einem doppelten Stacheldrahtzaun umgeben und mit acht Wachtürmen versehen. Im Lauf des Jahres 1943 wurde um das Lager herum ein Minengürtel aus Alarm- und Sprengminen angelegt.

 

2. Personal in Sobibor

 

Die Mannschaft des Lagers bestand aus etwa 20 bis 30 Reichsdeutschen und etwa 100 bis 150 Trawniki-Männern. Die Deutschen gehörten zu etwa einem Drittel der SS, im übrigen der Polizei an. Lagerkommandant war bis September 1942 der österreichische Polizeioffizier Franz Stangl 101, der 1940/41 als Funktionär bei den Massenmorden an Kranken und Behinderten im österreichischen Hartheim tätig gewesen war. Ihm folgte Franz Reichleitner nach, ebenso wie Stangl österreichischer Polizist und Funktionär der Tötungsanstalt Hartheim.

 

Die übrigen SS- und Polizeiangehörigen hatten im Wesentlichen Erfahrung mit der massenhaften Tötung von Menschen durch Vergasung im Rahmen der "Aktion T4" gesammelt. 102 Im Lager waren ihnen bestimmte Funktionen zugeteilt: Überwachung des "Lagers III", des Waldkommandos, des Bahnhofskommandos, der Wachmannschaften, Sortieren der Wertsachen.

 

3. Transporte nach Sobibor

 

Von den mindestens 1,5 bis 1,7 Millionen Opfern allein der "Aktion Reinhardt" wurden in der Zeit vom Ende April 1942 bis September 1943 rund 170.000 jüdische Menschen im Vernichtungslager Sobibor umgebracht.

 

Bis Juni 1942 waren es Juden aus dem Reichsgebiet und Österreich (ca. 10000) sowie aus Theresienstadt (ca. 6000). Bis Oktober 1942 waren es rund 24000 aus der Slowakei verschleppte Juden. Im Jahre 1943 sind nachweislich zwei Transporte aus Frankreich nach Sobibor gegangen. Etwa 100000 holländische Juden wurden in der Zeit vom 15.Juli 1942 bis zum 3.September 1944 mit 64 Transporten nach Auschwitz, mit 19 Transporten nach Sobibor, mit sieben Transporten nach Theresienstadt und mit weiteren Transportzüge nach Bergen-Belsen geleitet. Nach Sobibor gelangten in der Zeit vom 5.März 1943 bis zum 23.Juli 1943 19 Transporte wechselnder Stärke aus den Niederlanden mit insgesamt 34300 Menschen.

101 Siehe Lfd.Nr.746.

102 Siehe oben B II 6 Seite 233.