Justiz und NS-Verbrechen Bd.XLIX Verfahren Nr.920 - 924 (2002 - 2012), 880 (Erratum), 950 - 959 (1945 - 1960; Nachtragsverfahren)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.924    LG München II    12.05.2011    JuNSV Bd.XLIX S.349

Flossenbürg und der anschliessenden Tätigkeit in Regensburg jeweils im Zusammenhang stehen, liegt nahe, dass die um etwa ein halbes Jahr abweichende Darstellung der Versetzung nach Flossenbürg auch eine entsprechende zeitliche Fehleinschätzung für den anschliessenden Dienst in Regensburg mit sich brachte. Soweit der Angeklagte somit entsprechend den Angaben Daniltschenkos tatsächlich auch - vorübergehend - in Regensburg tätig gewesen sein sollte, wäre dies etwa auf die Phase Frühsommer bis Herbst 1944 einzugrenzen, so dass sich im Ergebnis wiederum keine relevanten Widersprüche aus den verschieden Quellen ergeben.

 

b) Angaben als Displaced Person

 

Abgesehen von den militärhistorisch bewerteten Angaben des Angeklagten über seinen Verbleib während der Kriegsjahre, die ein sich aufdrängendes Alibi nicht ergaben, weisen auch dokumentarisch gesicherte Angaben des Angeklagten einen unmittelbaren Bezug zum Ort Sobibor auf, der sich nicht anders als durch seine Tätigkeit im dortigen Vernichtungslager plausibel erklären lässt.

 

So gab der Angeklagte in zwei Dokumenten aus dem Jahr 1948 und 1951 den Ort Sobibor als mehrjährigen Wohn- oder Aufenthaltsort an.

 

In einem Antrag auf Unterstützung ("Application for Assistance") vom 29.März 1948 machte der Angeklagte die in den Feststellungen wiedergegebenen Angaben über angebliche Aufenthaltsorte während des Krieges 182. In der Folgerubrik "Beschäftigung in den letzten 12 Jahren, bis heute" gab er für den Zeitraum April 1937 bis Januar 1943 die Art der Beschäftigung mit "Fahrer", seinen Lohn mit "40 Zloty", seinen Arbeitgeber mit einer namentlich nicht erkennbaren Firma und den Ort der Tätigkeit mit "Sobibor [Rest unleserlich]" an. Als Grund für den Wechsel nach Sobibor gab er "Flucht nach Polen" an und für den Wechsel von Sobibor nach Pillau die Begründung "Deportation nach Deutschland".

 

In seinem an das amerikanische Konsulat in Stuttgart gerichteten Antrag auf Einwanderungsvisum und Ausländerregistrierung vom 27.Dezember 1951 gab der Angeklagte neben seinen Personendaten an, dass er die polnische Staatsbürgerschaft besitze, jedoch in Kiew in der UdSSR geboren sei und der ukrainischen Rasse zugehöre. Ausserdem gab er seine Grösse mit 1,85 m an. In der Rubrik über die Wohnorte seit dem 14.Lebensjahr machte der Angeklagte die in den Feststellungen wiedergegebenen Angaben 183.

 

Den Dokumenten ist zu entnehmen, dass der Angeklagte selbst einen längerfristigen Aufenthalt bis Januar 1943 oder, was das Dokument aus dem Jahr 1951 nahelegt, bis September 1943 im polnischen Sobibor angibt.

 

In der "Deposition" vom 20.April 1978, über deren Inhalt die Zeugin Linda Kul. berichtete 184, gab der Angeklagte, befragt zu den Eintragungen, an, dass diese nicht wahr seien. Er sei niemals in dem polnischen Ort Sobibor gewesen und habe auch nicht in dem dortigen Konzentrationslager gedient.

 

Bei der gerichtlichen Vernehmung vom 4.März 1981, über die der Zeuge Mos. berichtete 185, gab der Angeklagte auf die Frage, ob er von 1934 bis 1943 (entsprechend den Angaben

182 Siehe oben B VIII 1 Seite 252 f.

183 Siehe oben B VIII 2 Seite 253.

184 Siehe oben C VII 1 Seite 313.

185 Siehe oben C VII 1 Seite 313.