Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.827

Feststellungen gestützt werden könnten. Da andere Zeugen diesen Fall nicht bestätigt haben, war daher der Angeklagte Klehr von diesem Schuldvorwurf mangels Beweises freizusprechen.

 

3.

 

In Ziffer 4 des Eröffnungsbeschlusses wird dem Angeklagten Klehr zur Last gelegt, in der zweiten Hälfte des Jahres 1942 mehrere Häftlingspfleger auf dem Dachboden eines Blockes des HKB im Stammlager durch sog. "Sportmachen" so lange gequält zu haben, dass der Häftling Rudek an Herzschwäche gestorben sei.

Hierzu hat der Zeuge Glo. glaubhaft bekundet, dass der Angeklagte Klehr eines Tages, nachdem er - der Zeuge - zwei Wochen im HKB gewesen sei, ohne jeden Anlass mit einer Gruppe von Häftlingspflegern, zu denen er - der Zeuge - auch gehört habe, auf dem Speicher des Blokes 28 sog. "Sportübungen" gemacht habe. Die Übungen hätten eine "Ewigkeit" gedauert, Klehr habe die Häftlinge dabei auch getreten. Ein Häftling namens Rudek sei bei den Sportübungen auf den Boden gefallen. In der folgenden Nacht sei er gestorben.

Das Gericht hat zwar keinen Zweifel, dass die Aussage des Zeugen Glo. der Wahrheit entspricht. Es fehlt jedoch an Anhaltspunkten dafür, dass der Angeklagte Klehr bei diesen Sportübungen den (direkten oder bedingten) Vorsatz gehabt habe, den Häftling Rudek zu töten. Es besteht die Möglichkeit, dass er die Häftlinge nur quälen und schikanieren wollte, ohne dass er den Tod des Häftlings Rudek in Rechnung gestellt und billigend in Kauf genommen hat.

Eine Verurteilung des Angeklagten Klehr wegen Mordes oder Totschlages in diesem Fall war daher nicht möglich. Er war daher von dem Schuldvorwurf unter Ziffer 4 des Eröffnungsbeschlusses mangels Beweises freizusprechen.

 

4.

 

Dem Angeklagten Klehr wird schliesslich in Ziffer 5 des Eröffnungsbeschlusses zur Last gelegt, im Mai oder Juni 1944 eine ältere Jüdin und deren Tochter, die sich nach einer Selektion nicht hätten trennen wollen, zu einer der in das Erdreich gegrabenen Brandstellen bei den Krematorien in Birkenau geführt und lebend in das Feuer gestossen zu haben.

Der Zeuge Putz. hat bei seiner Vernehmung im Vorverfahren am 26.9.1962 behauptet - was ihm in der Hauptverhandlung vorgehalten und von ihm bestätigt worden ist -, dass der Angeklagte Klehr einmal im Mai oder Juni 1944 eine ältere Jüdin, die bei einer Selektion zur Vergasung ausgesondert worden sei und deren Tochter, die sich von ihrer Mutter nicht habe trennen wollen, zu einer Brandstelle geführt und lebend in das Feuer hineingestossen habe. In der Hauptverhandlung hat der Zeuge zwar den gleichen Vorfall geschildert, hat jedoch behauptet, dass ein slowakischer SDG die beiden Frauen in das Feuer gestossen habe. Auf Vorhalt, dass er bei seiner früheren Vernehmung den Angeklagten Klehr als den Täter bezeichnet habe, hat der Zeuge erklärt, dass er das nicht mehr aufrecht erhalten könne.

Da sonstige Zeugen über diesen Vorfall keine Bekundungen gemacht haben, konnte der Angeklagte Klehr insoweit nicht überführt werden. Im Hinblick auf die Aussage des Zeugen Putz. in der Hauptverhandlung konnte nicht festgestellt werden, dass die früheren Angaben des Zeugen im Ermittlungsverfahren der Wahrheit entsprochen haben.

Der Angeklagte Klehr war daher auch in diesem Anklagepunkt mangels Beweises freizusprechen.

 

XIII. Weitere Schuldvorwürfe gegen den Angeklagten Bednarek

 

Dem Angeklagten Bednarek werden in dem Eröffnungsbeschluss weitere, im einzelnen angeführte Fälle zur Last gelegt, in denen er durch Misshandlung den Tod von weiteren Häftlingen verschuldet haben soll. Insoweit jedoch war eine Überführung des Angeklagten nicht möglich.