Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.826

Eine Verurteilung des Angeklagten Klehr war daher in diesem Fall nicht möglich, auch wenn die Tötung der drei Häftlinge rechtswidrig gewesen sein sollte.

Der Angeklagte Klehr war daher von dem Schuldvorwurf unter Ziffer 2d mangels Beweises freizusprechen (§47 MStGB).

 

c. In Ziffer 2h des Eröffnungsbeschlusses wird dem Angeklagten Klehr zur Last gelegt, im Sommer 1942 eine Gruppe von 15 jüdischen Häftlingen, die im Nebenlager Jawischowice beschäftigt gewesen seien und zur ambulanten Behandlung in das Stammlager gekommen seien, durch Phenolinjektionen getötet zu haben.

 

Hierzu hat der Zeuge Joa., der in der Hauptverhandlung nicht vernommen werden konnte, sondern vor dem Kreisgericht in Krakau am 26.4.1955 kommissarisch vernommen worden ist - das Protokoll über diese Vernehmung wurde in der Hauptverhandlung verlesen -, bekundet, er habe im Sommer 1942 eine Gruppe von 15 jüdischen Häftlingen aus dem Nebenlager Jawischowice auf den Block 28 zur ambulanten Behandlung bringen müssen. Er habe die Gruppe aus ihrem Block abgeholt und zu Block 28 gebracht. Dort habe er den Angeklagten Klehr in einer Arztschürze angetroffen. Klehr habe ihn gefragt, warum er gekommen sei. Er - der Zeuge - habe geantwortet, er bringe eine Gruppe von 15 Häftlingen aus dem Nebenlager Jawischowice, damit sie verbunden würden. Klehr habe daraufhin sofort gesagt, dass sie Juden seien. Dann habe er - Klehr - alle 15 ihre Hemden hochziehen lassen. Er - der Zeuge - habe dann bemerkt, dass Klehr dem ersten Häftling, den er durch die Eingangstür in den Korridor habe kommen lassen, eine Spritze in die Herzgegend gegeben habe. Klehr habe dann der Reihe nach die in den Korridor hereingeführten Häftlinge mit der Spritze gestochen. Vor seinen - des Zeugen - Augen habe Klehr vier Häftlinge "abgespritzt". Die vier seien auf den Boden gefallen. Klehr habe ihm dann befohlen, die Evidenzkarten der Häftlinge zu holen zwecks Umschreibung auf den Block 28. Als er - der Zeuge - mit den Evidenzkarten wieder zurückgekommen sei, hätten alle 15 jüdischen Häftlinge hinter dem Block 28 an der Wand auf dem Boden tot gelegen.

 

Dem Angeklagten Klehr ist diese Handlungsweise zwar ohne weiteres zuzutrauen. Die Darstellung des Zeugen Joa., von dem sich das Schwurgericht keinen persönlichen Eindruck verschaffen konnte, und gegen dessen Glaubwürdigkeit gewisse Bedenken bestehen (vgl. oben 5. Abschnitt V.1.) ist jedoch nicht so überzeugend, dass darauf sichere Feststellungen gestützt werden könnten. Sie enthält gewisse Unklarheiten und Unwahrscheinlichkeiten. Im Jahre 1942 wurden Phenolinjektionen nicht im Block 28 sondern im Block 20 durchgeführt. Die Rekordspritze und das Phenol befanden sich auf Block 20. Der Angeklagte Klehr hat die Tötungen nach den getroffenen Feststellungen stets in aller Heimlichkeit im Zimmer Nr.1 des Blockes 20 unter Assistenz von Funktionshäftlingen durchgeführt. Die Opfer mussten hinter dem Vorhang, der im Korridor des Blockes 20 angebracht war, warten. Es erscheint daher nicht sehr wahrscheinlich, dass der Angeklagte Klehr im Block 28 die Rekordspritze und das Phenol bereits bereit gehabt haben soll, als der Zeuge Joa. mit den 15 jüdischen Häftlingen ankam. Klehr kann über die Ankunft der 15 Häftlinge auch nicht vorher informiert gewesen sein. Denn sonst hätte er den Zeugen Joa. nicht gefragt, warum er mit den 15 Häftlingen komme. Wenn er über die Ankunft der 15 Häftlinge bereits vorher informiert gewesen wäre und schon vorher die Absicht gehabt hätte, die Häftlinge zu töten, hätte er sie sich wahrscheinlich auf Block 20 bringen lassen.

Der Angeklagte Klehr hat ferner darauf hingewiesen, dass ambulante Behandlung von Häftlingen aus Jawischowice nicht im Stammlager durchgeführt worden sei. Es ist zwar denkbar, dass man den Häftlingen nur vorgespielt hat, sie sollten zur ambulanten Behandlung nach Auschwitz gebracht werden, während man sie in Wirklichkeit zur Tötung nach Auschwitz überstellt hat. Dann hätte der Angeklagte Klehr die Tötung aber nach seinen sonstigen Gepflogenheiten mit aller Wahrscheinlichkeit auf Block 20 im Zimmer Nr.1 durchgeführt. Nicht sehr wahrscheinlich erscheint es auch, dass der Angeklagte Klehr die ersten Häftlinge sofort in Gegenwart des Zeugen Joa. getötet haben soll.

 

Die Aussage des Zeugen Joa. erscheint daher nicht so zuverlässig, dass darauf sichere