Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.824

den Angeklagten Klehr belastet hatte, jedoch nicht mehr aufrecht erhalten. Der Zeuge hat in der Hauptverhandlung folgendes geschildert: Im September 1944 sei ein Bombenangriff auf das KL Auschwitz erfolgt. Dabei seien viele Häftlinge und SS-Männer verwundet worden. Die Verwundeten seien in den HKB gekommen und dort behandelt worden. Die durch den Bombenangriff verletzten Häftlinge seien nach einiger Zeit, als sie wieder zu Kräften gekommen seien, mit Wagen fortgebracht worden. Im Lager habe man erzählt, das sei auf Anweisung der Lagerkommandantur erfolgt. Nach einigen Tagen seien die Häftlinge, die man weggebracht habe, als verstorben vom HKB abgesetzt worden.

In seiner früheren Erklärung hatte der Zeuge angegeben, - was ihm in der Hauptverhandlung vorgehalten worden ist und von ihm bestätigt wurde - Klehr habe allein viele von den verwundeten Häftlingen für einen Transport in die Gaskammern ausgesucht. Nachdem ihm dies in der Hauptverhandlung vorgehalten worden war, hat der Zeuge erklärt, es habe zwar eine Selektion bei den Verwundeten stattgefunden, er habe jetzt Zweifel, ob der Angeklagte Klehr diese Selektion durchgeführt habe. Andere Zeugen haben über die Aktion gegen die Verwundeten aus dem Bombenangriff im Herbst 1944 keine Bekundungen machen können. Es erscheint auch nicht wahrscheinlich, dass der Angeklagte Klehr im Herbst 1944 noch an Selektionen im HKB des Stammlagers teilgenommen hat. Denn zu dieser Zeit war er bereits im Nebenlager Gleiwitz tätig, was der Zeuge Fa. bestätigt hat.

Der Angeklagte musste daher auch von diesem Schuldvorwurf mangels Beweises freigesprochen werden.

 

c. Unter Ziffer 1f des Eröffnungsbeschlusses wird dem Angeklagten Klehr zur Last gelegt, zu einem nicht mehr festzustellenden Zeitpunkt in Block 21 des HKB des Stammlagers mehrere kranke Häftlinge zur Vergasung ausgesondert zu haben, unter denen sich der Häftling Szende, der an Erfrierungserscheinungen gelitten hätte, befunden habe.

Zu diesem Schuldvorwurf hat nur der Zeuge Rei. Bekundungen gemacht. Er hat in der Hauptverhandlung erklärt, er könne sich noch an den Fall Szende erinnern. Szende sei ein Wiener Jude gewesen. Er sei zusammen mit seinem Sohn nach Auschwitz gekommen. Zuerst sei er im Stammlager geblieben, dann sei er zu einem Nebenlager versetzt worden. Eines Tages sei er mit Erfrierungen an Händen und Füssen in das Stammlager zurückgekommen. Seine Finger seien schon schwarz gewesen. Kurze Zeit später sei Szende mit anderen Häftlingen bei einer Selektion ausgesondert worden. Er sei dann mit den anderen Häftlingen mit einem LKW nach Birkenau gebracht worden. Sein Sohn habe kurz vor der Abfahrt des LKWs davon erfahren, dass sein Vater nach Birkenau gebracht werden solle. Es habe zwischen dem Vater und dem Sohn eine erschütternde Szene stattgefunden. Als der Vater auf den LKW gebracht worden sei, habe man den Sohn bei ihm gelassen und ihn ebenfalls nach Birkenau gefahren. Er - der Zeuge - wisse jedoch nicht mehr, wer damals die Selektion gemacht und den Vater Szende ausgesucht habe.

Bei seiner früheren Vernehmung im Vorverfahren hatte der Zeuge Rei. behauptet, dass der Angeklagte Klehr damals die Selektion und die Aussonderung des Häftlings Szende durchgeführt habe. Nachdem ihm dies in der Hauptverhandlung vorgehalten worden war, meinte zwar der Zeuge, wenn er das damals so gesagt habe, dann stimme es auch. Er fügte noch hinzu, dass er nun wisse, dass der Angeklagte Klehr die Selektion gemacht habe. Wegen der Differenzen zwischen den beiden Aussagen des Zeugen Rei. hat das Gericht jedoch Bedenken, ob die Erinnerung des Zeugen Rei. insoweit noch ganz zuverlässig ist. Da kein anderer Zeuge diesen Vorfall bestätigt hat, konnte das Gericht nicht die sichere Überzeugung gewinnen, dass der Angeklagte Klehr in diesem Fall der Täter gewesen ist oder an der Selektion in irgendeiner Weise mitgewirkt hat.

Der Angeklagte Klehr musste daher trotz erheblichen Tatverdachts von dem Schuldvorwurf unter Ziffer 1f mangels Beweises freigesprochen werden.

 

2.

 

Unter Ziffer 2 des Eröffnungsbeschlusses werden dem Angeklagten Klehr einige konkret