Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.823

Zeuge nimmt demnach an, dass Phenolinjektionen bis zum Weggang des Lagerarztes Dr. Entress vorgekommen sein müssten. Dieser Schluss ist jedoch nicht zwingend. Denn nach der Aussage des Zeugen Wö. haben die Phenoltötungen bereits zu einer Zeit aufgehört, als der Lagerarzt Dr. Entress noch in Auschwitz war. Der Zeuge Wö. hat hierfür eine einleuchtende Erklärung gegeben. Durch die Aussage des Zeugen Kl. wird daher die Aussage des Zeugen Wö. nicht widerlegt.

Der Zeuge Pro. will einmal gesehen haben, dass der Angeklagte Dr. Capesius dem Angeklagten Klehr Phenol ausgehändigt habe. Das müsste im Jahre 1944 gewesen sein. Es ist jedoch möglich, dass sich der Zeuge Pro. im Jahr und in der Person des Apothekers geirrt hat. Denn der Angeklagte Klehr war im Jahre 1944 bereits im Nebenlager Gleiwitz. Es erscheint daher wenig wahrscheinlich, dass er sich in Auschwitz beim Apotheker Dr. Capesius Phenol abgeholt hat. Möglich ist, dass der Zeuge gesehen hat, wie der Apotheker Krömer (der Vorgänger des Angeklagten Dr. Capesius) dem Angeklagten Klehr 1943, als Klehr noch im Stammlager war, Phenol ausgehändigt hat und irrtümlich annimmt, dass es der Apotheker Dr. Capesius gewesen sei.

 

Der Zeuge Sik. will zwar gesehen haben, wie der Angeklagte Dr. Capesius einmal eine Phenolanforderung unterschrieben hat. Die Phenolanforderung sei - so hat der Zeuge erklärt - nach Berlin gegangen. Die Anforderung müsste ebenfalls erst im Jahre 1944 gemacht worden sein, da der Angeklagte Dr. Capesius erst in diesem Jahr nach Auschwitz gekommen ist. Da aber nach der Aussage des Zeugen Wö. im Jahre 1944 keine Phenolinjektionen mehr ausgeführt worden sind, steht nicht fest, dass mit diesem Phenol auch noch Menschen getötet worden sind.

Eine Bestrafung des Angeklagten Dr. Capesius wegen Teilnahme an Tötungshandlungen durch Phenolinjektionen setzt voraus, dass mit dem Phenol, das der Angeklagte Dr. Capesius angefordert hat, tatsächlich auch noch Menschen getötet worden sind oder dass zumindest versucht worden ist, damit Menschen zu töten. Das konnte jedoch im Hinblick auf die Aussage des Zeugen Wö. nicht festgestellt werden. Die Anforderung des Phenols allein ist daher noch kein strafbarer kausaler Beitrag zu einer Tötungshandlung oder versuchten Tötung.

 

Der Angeklagte Dr. Capesius musste daher auch von dem Schuldvorwurf unter Ziffer 4 des Eröffnungsbeschlusses mangels Beweises freigesprochen werden.

 

XII. Weitere Schuldvorwürfe gegen den Angeklagten Klehr

 

1.

 

Dem Angeklagten Klehr werden unter Ziffer 1 des Eröffnungsbeschlusses noch einige bestimmte Fälle zur Last gelegt, in denen er Häftlinge zur Vergasung ausgesondert haben soll. In diesen Fällen konnte er jedoch nicht überführt werden.

 

a. In Ziffer 1c des Eröffnungsbeschlusses wird ihm vorgeworfen, im Januar 1943 auf der Rampe aus einem eingetroffenen Häftlingstransport ungefähr 40-50 Häftlinge zur Vergasung ausgesondert zu haben.

Dieser Schuldvorwurf hat in der Hauptverhandlung keine Bestätigung gefunden. Kein Zeuge hat über diesen konkreten Fall Angaben machen können. Im Ermittlungsverfahren war der Angeklagte Klehr insoweit durch den Zeugen Ce. belastet worden. Auf die Vernehmung dieses Zeugen ist jedoch allseits verzichtet worden, da er in der Hauptverhandlung nicht vernommen werden konnte.

Der Angeklagte Klehr konnte daher insoweit nicht überführt werden. Er war deshalb von dem Schuldvorwurf unter Ziffer 1c des Eröffnungsbeschlusses mangels Beweises freizusprechen.

 

b. In Ziffer 1e 2. Satz des Eröffnungsbeschlusses wird dem Angeklagten Klehr zur Last gelegt, im Herbst 1944 im Häftlingskrankenbau mehrere bei einem Bombenangriff verwundete Häftlinge zur Vergasung ausgesondert zu haben.

Dieser Schuldvorwurf beruhte auf einer schriftlichen Erklärung des Zeugen Ko. im Ermittlungsverfahren. In der Hauptverhandlung hat der Zeuge seine Erklärung, soweit er