Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.821

Dr. Rohde in die Apotheke gekommen sei und dass Dr. Rohde und Dr. Capesius irgend ein Medikament für Versuchszwecke zubereitet hätten.

Diese Aussage des Zeugen Sik. kann nur wenig zur Aufklärung des Falles beitragen. Sie widerlegt die Behauptung des Angeklagten Dr. Capesius, dass Dr. Rohde sich 5 Ampullen Morphium ohne sein Wissen aus der Apotheke besorgt hat, nicht. Aus ihr ergibt sich auch nicht, dass der Angeklagte Dr. Capesius bei dem Versuch selbst zugegen war.

 

Die Zeugen Dr. Kl. und F. haben zu diesem Fall auch Bekundungen gemacht. Auch sie bringen keine Klarheit. Dr. Kl. hat ausgesagt, dass eines Tages einige jüdische Häftlinge in das Zimmer des SS-Lagerarztes auf Block 21 bestellt worden seien. Er - der Zeuge - habe später gehört, dass man den Häftlingen eine Flüssigkeit zum Trinken gegeben habe, die den Geschmack von Kaffee gehabt habe. Gesehen habe er an dem betreffenden Vormittag, wie nach zwei oder drei Stunden die Häftlinge schwankend aus dem Seiteneingang des Blockes 21 herausgekommen seien. Sie seien auf den Hof zwischen Block 20 und 21 gegangen. Bei ihnen seien einige SS-Männer gewesen. Man habe ihm - dem Zeugen - gesagt, dass unter den SS-Männern auch Dr. Capesius sei. Er selbst habe aber den Angeklagten Dr. Capesius damals nicht vom Ansehen gekannt.

Der Zeuge konnte daher keine Gewähr dafür übernehmen, ob der Angeklagte Dr. Capesius tatsächlich auf dem Hof dabeigewesen ist. Möglich ist, dass ihm ein anderer Häftling irrtümlich einen SS-Führer (vielleicht einen SS-Arzt) als den Angeklagten Dr. Capesius bezeichnet hat. Der Zeuge Dr. Kl. hat dann weiter bekundet, dass die SS-Männer den Häftlingen die Pistolen auf die Stirn gesetzt und zu ihnen irgend etwas gesagt hätten. Danach seien die Häftlinge wieder durch den Block 28 auf den Block 19 zurückgegangen. Am nächsten Tag seien dann zwei von den vier Häftlingen gestorben. Sie - die Funktionshäftlinge - hätten dann versucht, das Geheimnis dieser Angelegenheit aufzuklären. Aus dem gesammelten Informationsmaterial von Kameraden hätten sie erfahren, dass es sich um ein Experiment gehandelt habe, ob es gelinge, durch den Einfluss dieser Mittel den psychischen Widerstand von Häftlingen zu brechen.

 

Der Zeuge Dr. F. hat über den Fall eine etwas andere Darstellung als der Zeuge Dr. Kl. gegeben. Der Zeuge F. hat behauptet, dass Dr. Rohde, Dr. Weber und Dr. Capesius eines Sonntags vormittags in das Lager hereingekommen seien. Dr. Rohde sei auf Block 19 gekommen und habe sich dort drei oder vier jüdische Häftlinge ausgesucht. Dann habe er dem Häftlingspfleger befohlen, die Häftlinge auf das Arztzimmer des Blockes 21 zu bringen. Der Blockälteste des Blockes 19 habe ihm - dem Zeugen - davon benachrichtigt. Er - der Zeuge - sei daraufhin auf Block 21 gegangen und habe sich neben das Arztzimmer gestellt. Nach einer Weile sei dann eine Trage angefordert worden. Wieder einige Zeit später seien die Häftlinge auf der Trage bewusstlos auf den Hof zwischen 20 und 21 getragen worden. Nur ein Häftling sei wieder zum Bewusstsein gekommen. Der Häftling habe ihm - dem Zeugen - erzählt, dass er Kaffee zu trinken bekommen habe. Die Häftlinge seien dann wieder auf Block 19 gebracht worden und seien dort alle gestorben. Der Zeuge hat gemeint, dass Dr. Weber der Initiator des Experiments gewesen sein müsse. Er könne dies jedoch nicht beweisen. Er hat ferner gemeint, dass Dr. Capesius das Medikament zubereitet haben müsse. Auf die Frage, woher er das wisse, hat er erklärt, Dr. Capesius müsse es gemacht haben, weil er der Apotheker gewesen sei.

 

Auch die Aussage des Zeugen F. ermöglicht nicht die sichere Aufklärung des Falles. Abgesehen davon, dass die Darstellung des Zeugen von der Schilderung des Zeugen Dr. Kl. erheblich abweicht, geht aus ihr nicht klar hervor, welche Rolle der Angeklagte Dr. Capesius dabei gespielt hat. Es ist nicht einmal sicher, ob der Angeklagte Dr. Capesius dabei war, als den Häftlingen das Getränk eingeflösst wurde. Zwar soll nach der Aussage des Zeugen Dr. F. der Angeklagte Dr. Capesius mit in das Lager gekommen sein. Bei Ausführung des Experiments war der Zeuge jedoch nicht dabei. Er konnte nicht sagen, ob der Angeklagte Dr. Capesius auch in dem Arztzimmer des Blockes 21 gewesen ist. Der Zeuge hat auch nicht behauptet, dass er den Angeklagten Dr. Capesius später auf dem Hof zwischen Block 20 und 21 gesehen hat.

Wahrscheinlich ist damals über den Versuch, der ohne Zweifel stattgefunden und unter