Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.820

2.

 

Dem Angeklagten Dr. Capesius wird in Ziffer 3 des Eröffnungsbeschlusses zur Last gelegt, Versuche mit narkotisierenden Mitteln an Häftlingen durchgeführt zu haben. Er soll Evipan und Morphium mit Kaffee gemischt und die Dosis so verstärkt haben, dass mindestens zwei Häftlinge nach dem Genuss dieses Getränkes gestorben sein sollen.

Eine sichere Aufklärung war zu diesem Anklagepunkt nicht möglich.

 

Der Zeuge Dr. M. hat ausgesagt, dass er einmal von einem Versuch des Dr. Rohde mit Narkotika gehört habe. Der Zeuge war - wie bereits ausgeführt - als SS-Arzt im hygienischen Institut tätig. Sein Vorgesetzter war Dr. Weber. Der Zeuge Dr. M. hat bekundet, dass Dr. Rohde, der gut mit ihm und Dr. Weber bekannt gewesen sei, eines Tages zu ihnen gekommen sei und gesagt habe, er wolle einen Versuch mit Narkotika machen. Die Politische Abteilung sei daran interessiert, wie man einen Menschen durch Narkotika in die Hand bekommen und zum Reden bringen könne. Dr. Rohde habe von ihnen einen Rat haben wollen, wie man das mache. Dr. Weber habe daraufhin geantwortet, er solle in der Literatur nachsehen. Er - der Zeuge Dr. M. - habe zwar davon gehört, dass dann eine Versuchsreihe gemacht worden sei, es seien dabei auch Menschen gestorben. Näheres wisse er jedoch nicht. Woher Dr. Rohde die Narkotika und Giftstoffe für die Versuchsreihe gehabt habe, wisse er ebenfalls nicht. Dr. Rohde müsse sie entweder aus dem hygienischen Institut oder aus der Apotheke gehabt haben. Positives wisse er - der Zeuge - jedoch nicht.

Nach dieser Aussage des Zeugen Dr. M. müsste der Initiator der Versuchsreihe der SS-Arzt Dr. Rohde gewesen sein. Zweck der Versuchsreihe war es - nach dem, was Dr. M. von Dr. Rohde gehört hat - offenbar, Menschen durch Medikamente, eine Art "Plauderdroge" zum Reden zu bringen. Inwieweit der Angeklagte Dr. Capesius an der Versuchsreihe beteiligt war, insbesondere inwieweit er die erforderlichen Medikamente und Giftstoffe zur Verfügung gestellt hat, und inwieweit er in den Zweck und die beabsichtigte Ausführung der Versuchsreihe eingeweiht worden ist, konnte nicht geklärt werden.

 

Der Angeklagte Dr. Capesius hat sich hierzu wie folgt eingelassen:

Eines Tages sei Dr. Rohde mit einer Tüte Kaffeebohnen gekommen und habe ihn gebeten, die Kaffeebohnen mahlen und einen Liter Kaffee kochen zu lassen. Er - der Angeklagte - habe daraufhin den Dr. Rohde nach dem Grund gefragt, da es nicht üblich gewesen sei, in der Apotheke Kaffee für andere zu mahlen. Dr. Rohde habe daraufhin geantwortet, er habe Befehl einen Versuch zu machen. Man wolle durch Beimischen von Evipan und Morphium in Kaffee erreichen, dass ein Mensch nach dem Genuss dieses Getränkes für längere Zeit eingeschläfert werde. Als Beispiel habe Dr. Rohde die Einschläferung eines Spions in einer Kaschemme genannt, den man auf diese Weise festhalten wolle, bis die Polizei herbeigerufen worden sei. Er - der Angeklagte - habe dann Dr. Rohde Evipan und Morphium in einer Menge gegeben, die nicht zum Tode eines Menschen habe führen können. Am nächsten Tage habe er - der Angeklagte - erfahren, dass ein griechischer Häftling an dem Versuch gestorben sei. Er sei dann von Dr. Wirths aufgefordert worden, Aufklärung über den Fall zu geben. Dabei habe er - der Angeklagte - erst genauere Einzelheiten erfahren. Dr. Rohde habe sich bereits vorher, bevor er zu ihm - dem Angeklagten - gekommen sei, von dem Häftlingsapotheker Strauch 5 Ampullen Morphium geben lassen, was er - der Angeklagte - jedoch nicht gewusst habe. Dr. Strauch habe diese 5 Ampullen dem Dr. Rohde auf Grund eines ordnungsmässigen Rezeptes herausgegeben.

 

Diese Einlassung des Angeklagten Dr. Capesius ist nicht mit Sicherheit zu widerlegen. Der Zeuge Sik. hat bekundet, dass eines Tages ein Läufer gekommen sei und ihm gesagt habe, dass man zwei Häftlingen irgend ein Medikament zu trinken gegeben habe. Einer der Häftlinge sei gestorben. Der Läufer habe dies auch dem Angeklagten Dr. Capesius mitgeteilt. Später hätte er ihm - dem Zeugen erzählt, dass die Nachricht über den Tod des Häftlings grossen Eindruck auf Dr. Capesius gemacht habe.

Der Häftlingsapotheker Strauch habe ihm - dem Zeugen Sik. - damals erzählt, dass