Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.819

Block 11 hineingebracht worden seien. Dort hätten sie zwei oder drei Tage verweilen müssen. Dann seien sie während der Nachtstunden mit LKWs abtransportiert worden. Nach der Aussage des Zeugen in der Hauptverhandlung sollen die Kinder am Tage während eines Appells verladen worden sein. Eine Erklärung für diese widersprüchlichen Angaben konnte der Zeuge nicht geben.

Sichere Feststellungen konnten daher auch nicht auf die Aussagen des Zeugen von Sebe. gestützt werden.

 

d. Dem Angeklagten Dr. Capesius wird ferner zur Last gelegt, am 13.10.1944 gemeinschaftlich mit dem Lagerarzt Dr. Mengele sämtliche weiblichen Häftlinge, die im Revier des Frauenlagers gewesen sind, zur Vergasung bestimmt und ihren Abmarsch in die Gaskammern überwacht zu haben.

In diesem Punkt wird der Angeklagte Dr. Capesius nur von dem Zeugen Glü. belastet. Der Zeuge will am 13.10.1944 im Lager III (das sog. Lager Mexiko) die Selektion von Frauen, die aus dem Revier herausgeführt worden seien, beobachtet haben. Bei dieser Selektion seien - so hat der Zeuge angegeben - vier bis fünf SS-Männer dabeigewesen. Unter ihnen seien Dr. Mengele und Dr. Capesius gewesen. Unter den kranken Frauen habe er - der Zeuge - auch seine Frau gesehen. Zuvor habe er noch seine Frau in der Baracke besucht gehabt, sei dann jedoch als Dr. Mengele gekommen sei, sofort durch das Fenster der Baracke gesprungen und sei weggelaufen. Er habe sich wieder zu seinem Arbeitskommando begeben. Von dem Arbeitskommando aus habe er die Selektion beobachtet.

 

Es kann dem Zeugen Glü. zwar geglaubt werden, dass er im Lager Mexiko eine Selektion beobachtet hat, bei der auch seine Frau zum Tode bestimmt worden ist. Im Hinblick auf die Bedenken gegen seine Zuverlässigkeit erscheint es jedoch nicht sicher, dass er den Angeklagten Dr. Capesius bei der Selektion einwandfrei hat identifizieren können, zumal der Zeuge die Selektion nicht aus kurzer Entfernung hat beobachten können. Der Zeuge v. Sebe. hat bekundet, dass damals der Zeuge Glü. ihm von dieser Selektion am gleichen Tage erzählt habe. Glü. habe jedoch nur erwähnt, dass Dr. Mengele die Selektion durchgeführt habe. Daran, dass Glü. auch von Dr. Capesius gesprochen habe, konnte sich der Zeuge nicht erinnern. Es erscheint daher nicht ausgeschlossen, dass der Zeuge Glü. sein Erlebnis auf den Angeklagten Dr. Capesius zu Unrecht projiziert hat. Bedenken bestehen vor allem auch deswegen, weil es kaum zu den Aufgaben des Lagerapothekers gehört hat, an Selektionen im Lager Mexiko teilzunehmen. Das war Sache der für das Lager Birkenau zuständigen SS-Lagerärzte. Für Dolmetscheraufgaben brauchte der Angeklagte Dr. Capesius nicht hinzugezogen zu werden, da der Lagerarzt Dr. Klein ebenfalls die ungarische Sprache beherrscht hat.

Der Angeklagte Dr. Capesius konnte daher auch in diesem Anklagepunkt nicht mit Sicherheit überführt werden.

 

e. Dem Angeklagten Dr. Capesius wird schliesslich unter Ziffer 2 des Eröffnungsbeschlusses noch zur Last gelegt, die "Liquidierung" des Zigeunerlagers (31.7.1944) überwacht zu haben.

Auch in diesem Anklagepunkt konnte der Angeklagte Dr. Capesius nicht überführt werden.

Dieser Schuldvorwurf beruhte auf der Aussage des Zeugen Glü., die er im Vorverfahren vor dem Untersuchungsrichter am 16.10.1961 gemacht hat. Damals hat der Zeuge - wie bereits oben (3. Abschnitt N.III.4.) erwähnt - angegeben, er wisse mit "absoluter Sicherheit", dass der Angeklagte Dr. Capesius bei der Räumung des Zigeunerlagers dabeigewesen sei. In der Hauptverhandlung hat der Zeuge diese Aussage jedoch nicht mehr aufrecht erhalten. Er hat erklärt, er habe die Verladung der Zigeuner nur durch Löcher der Baracke beobachtet und habe nicht gesehen, wer bei der Verladung der Zigeuner dabeigewesen sei. Der Zeuge hat also in der Hauptverhandlung nicht mehr behauptet, den Angeklagten Dr. Capesius bei der "Liquidierung" des Zigeunerlagers gesehen zu haben.

 

Der Angeklagte Dr. Capesius musste daher von sämtlichen unter a.-e. aufgeführten Schuldvorwürfen mangels Beweises freigesprochen werden.