Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.818

16-18 Jahren seien im Block 11 des Lagerabschnittes B II e (Zigeunerlager) untergebracht gewesen. Anfang Oktober 1944 sei der Lagerarzt Dr. Mengele mit dem Lagerführer und Dr. Capesius in den Lagerabschnitt hereingekommen. Der Lagerführer habe zwei Hunde dabeigehabt. Die Kinder aus dem Block hätten irgend etwas geahnt und seien weggelaufen. Der Lagerführer habe daraufhin die Kinder mit den Hunden zusammengetrieben und in den Block 11 hineingetrieben. Es sei am jüdischen Neujahrsfest gewesen. Die erwachsenen Häftlinge hätten während dieser Zeit gerade beim Appell gestanden. Nach zwei Tagen seien LKWs gekommen. Man habe die Kinder auf die LKWs verladen und in das Gas geschickt. Ob der Angeklagte Dr. Capesius bei der Verladung dabeigewesen sei, wisse er nicht. Auf die Frage, welche Rolle der Angeklagte Dr. Capesius beim Zusammentreiben und Hineintreiben der Kinder in den Block 11 gespielt habe, hat der Zeuge erklärt: Beim Hineintreiben der Kinder in den Block 11 hätte jeder der SS-Führer (Dr. Mengele, Dr. Capesius und andere "Offiziere") den Knaben "so einen Stoss" gegeben. Geschlagen habe jedoch nur der Lagerführer.

Demgegenüber hat der Zeuge Glü. bei seiner Vernehmung durch den Untersuchungsrichter am 16.10.1961, was ihm in der Hauptverhandlung vorgehalten worden ist, erklärt, einige Knaben hätten versucht, aus den kleinen Fenstern des Blockes 11 zu entkommen. Sie seien jedoch durch Schläge zurückgetrieben worden. Auch der Angeschuldigte Dr. Capesius habe auf die Kinder eingeschlagen. Er - der Zeuge - wisse noch genau, dass der Angeklagte Dr. Capesius auf die Knaben eingeschlagen habe. Dr. Capesius habe die Kinder mit der Hand geschlagen. Nach mehreren habe er auch mit dem Fuss getreten.

 

Der bereits mehrfach erwähnte Häftlingsarzt Dr. Bej., der damals noch als Häftlingsarzt im Lagerabschnitt B II e tätig war und auf das Gericht einen glaubwürdigen Eindruck gemacht hat, hat den Angeklagten Dr. Capesius jedoch nie in seinem Lagerabschnitt gesehen. Dieser Zeuge hat - wie er glaubhaft bekundet hat - den Lagerapotheker überhaupt nicht gekannt. Er habe ihn nie - so hat der Zeuge Bej. erklärt - in seinem Lagerabschnitt gesehen. Als Häftlingsarzt kannte der Zeuge Bej. jedoch die Lagerärzte Dr. Mengele und Dr. Klein sehr gut. Letzteren hat der Zeuge als den Assistenten des Dr. Mengele bezeichnet. Wenn auch der Lagerapotheker mit in den Lagerabschnitt hereingekommen wäre, hätte das der Zeuge sehen und als Häftlingsarzt auch seinen Namen erfahren müssen, ebenso wie er die Namen der Ärzte Dr. Mengele und Dr. Klein erfahren hat. Der Zeuge war nach seiner glaubhaften Bekundung auch noch am Versöhnungstag des Jahres 1944 im Lagerabschnitt B II e. Da der Versöhnungstag im Jahre 1944 eine Woche nach dem jüdischen Neujahrstag 1944 gefeiert wurde, muss der Zeuge Bej. demnach noch im Lager gewesen sein, als die 1200 Knaben nach der Aussage des Zeugen Glü. zusammengetrieben worden sein sollen. Der Zeuge Bej. hätte demnach als Häftlingsarzt die Aktion gegen die Kinder miterleben und auch den Angeklagten Dr. Capesius sehen müssen. Hiervon wusste jedoch der Zeuge Bej. nichts. Die Aussage des Zeugen Glü. kann daher wegen der Widersprüche in seinen beiden Darstellungen vor allem aber auch im Hinblick auf die Aussage des Zeugen Bej. nicht Grundlage für sichere Feststellungen sein.

 

Das gleiche gilt für die Aussage des Zeugen von Sebe. Auch dieser Zeuge ist nicht zuverlässig. Er hat ebenfalls widersprüchliche Angaben über die Aktion gegen die 1200 jüdischen Kinder gemacht, die im übrigen auch nicht mit der Aussage des Zeugen Glü. übereinstimmen. In der Hauptverhandlung hat der Zeuge von Sebe. erklärt, dass am 10.11. oder 12.10.1944 Dr. Mengele in Begleitung des Dr. Capesius in den Lagerabschnitt B II e hereingekommen sei. Sie - die Häftlinge - hätten gerade in Reih und Glied gestanden. Dr. Capesius habe keine Tätigkeit ausgeübt. Er - der Zeuge - glaube, dass die Kinder auf LKWs geladen worden seien. Er könne es aber nicht mehr beschwören. Die Kinder seien erst im Block 11 gewesen und seien dann herausgekommen. Sie seien nicht selektiert sondern sofort verladen worden. Bei dieser Verladung habe Dr. Capesius dabeigestanden.

Bei seiner früheren Vernehmung durch den Untersuchungsrichter am 17.10.1961 hat der Zeuge jedoch eine ganz andere Darstellung gegeben. Er hat damals ausgesagt, was ihm von dem Verteidiger des Angeklagten Dr. Capesius vorgehalten worden ist, dass die Kinder zunächst mit Hilfe von Spürhunden zusammengetrieben und in den