Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.814

4.

 

In Ziffer 5 des Eröffnungsbeschlusses wird dem Angeklagten zur Last gelegt, er habe sich am 4.Oktober 1943 mit anderen SS-Angehörigen an einer sog. "Hasenjagd" beteiligt, d.h. an einer Verfolgung willkürlich gegen den elektrisch geladenen Draht getriebener Häftlinge, wobei 11 Häftlinge eines Transportes aus Lemberg erschossen worden sein sollen.

Der Angeklagte behauptet, von einem solchen Ereignis nichts zu wissen.

 

Nun hat zwar der Zeuge Dr. Wo., der es mit seinen Zeugenpflichten ausserordentlich erst genommen hat, erklärt, Baretzki sei bei der Erschiessung dieser 11 neu im Quarantänelager angekommenen Häftlinge dabeigewesen; es habe sich um eine Gruppe von angetretenen Polen gehandelt, die plötzlich von SS-Leuten mit Stöcken geschlagen wurden, so dass sie auseinander stoben, alle SS-Leute hätten dann geschossen. Der Zeuge stand aber etwa 50 m vom Orte des Geschehens entfernt. Er ist kurzsichtig und hat auf die Frage, ob auch Baretzki geschossen habe, ob er ihn habe zielen sehen, geantwortet: "Keiner hat nicht geschossen - es ist schon zu lange her."

In seinem Bericht vom 17.4.1945, auf den er sich bei seiner Aussage gestützt hat, hat er lediglich ausgesagt, die Neuankömmlinge seien von Wachtposten (die auf den Wachttürmen standen) erschossen worden. Er nennt dabei Baretzki nicht.

Es kann daher nicht mehr irrtumsfrei festgestellt werden, wer wen erschossen hat und ob sich der Angeklagte an diesen Tötungen beteiligt hat.

 

5.

 

Nach Punkt 7 des Eröffnungsbeschlusses soll der Angeklagte, was er bestreitet, im Sommer 1944 einen Häftling im Gang einer Baracke getötet haben.

Der Zeuge Gw. hat im Ermittlungsverfahren am 9.3.1960 ausgesagt, er habe gesehen, wie Baretzki mit einem Häftling allein in die Baracke gegangen und bald danach ohne diesen wieder herausgekommen sei; der Häftling habe dann tot am Eingang der Baracke gelegen.

In der Hauptverhandlung dagegen hat der Zeuge mehrfach erklärt, ausser Baretzki sei noch ein anderer Blockführer mit in diese Baracke gegangen.

Infolge dieses erheblichen Widerspruches zwischen den Aussagen dieses Zeugen konnten keine Feststellungen dahin getroffen werden, der Angeklagte sei an der Tötung dieses Gefangenen in der einen oder anderen Weise beteiligt gewesen. Es besteht nach der Bekundung des Zeugen - weitere Beweismittel standen nicht zu Verfügung - die Möglichkeit, dass der von ihm neuerdings erwähnte andere Blockführer den Häftling getötet hat, ohne dass Baretzki diese Tötung gewollt oder gebilligt hat.

 

6.

 

Der Angeklagte soll weiterhin im Jahre 1944 bei der Ankunft eines Häftlingstransportes aus Lodz eine Frau, die von ihrem bereits im Lager befindlichen Bruder erkannt und angerufen worden sein soll, erschossen haben (Ziffer 8 des Eröffnungsbeschlusses). Er erklärt, hiervon nichts zu wissen.

Als einziger Zeuge konnte der Kaufmann Mont. dazu vernommen werden. Er hat ausgesagt: Baretzki habe im Frühjahr 1944 einen Transport aus Lodz auf der Strasse zwischen den Lagerabschnitten c und d hindurchgeführt, vermutlich zur Gaskammer. Eine Frau aus dieser Gruppe habe ihren im Lager B II d befindlichen Bruder erkannt und angerufen. Dieser sei daraufhin ausgerissen. Baretzki habe die Frau aus der Reihe geholt und erschossen, sie sei hingefallen und später weggetragen worden. Er habe das alles aus dem Lagerabschnitt d beobachtet, er sei nur 3 bis 4 m von dem Ort des Geschehens entfernt gewesen.

 

Diese Schilderung bietet keine ausreichende Grundlage für eine Schuldfeststellung.

Es steht zunächst nicht fest, ob diese Frau tatsächlich tot war. Ausserdem bestehen Bedenken, ob sich der Vorfall so ereignet hat, wie ihn der Zeuge schildert.

Es erscheint nämlich denkbar, dass - umgekehrt wie der Zeuge es schildert - der Bruder