Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.812

gestanden haben. Auch nach der Schilderung in der Hauptverhandlung soll Kaduk mit dem Häftling vor der Häftlingsküche gestanden haben. Für die Beobachtungsmöglichkeit des Zeugen ist es jedoch von erheblicher Bedeutung, ob er den Vorfall von Block 17 oder von Block 28 aus gesehen hat. Block 17 lag unmittelbar gegenüber der Küche. Von hier aus war eine Sichtmöglichkeit. Zwischen Block 28 und der Küche lagen drei weitere Blocks. Von Block 28 bestand für den Zeugen keine gute Beobachtungsmöglichkeit. Es ist daher nicht sicher, dass er die Person des Schützen genau hat erkennen können.

 

Bedenken bestehen auch deshalb, weil in dem Auschwitzheft Nr.8 die Erschiessung des Häftlings Ackermann einem SS-Sturmbannführer zur Last gelegt wird, der Ackermann mit einer Abteilung SS-Männer erschossen haben soll.

Die Hefte von Auschwitz und die in den Heften enthaltenen Angaben können zwar nicht als Beweismittel dienen. Die Angaben in den Auschwitzheften beruhen nach der glaubhaften Aussage der Zeugin Cze., die als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Historikerin bei dem Auschwitz-Museum angestellt ist, auf Dokumenten der SS, auf Mitteilung der Widerstandsbewegung während des Krieges sowie auf Aussagen, Berichten und Erklärungen von ehemaligen Häftlingen. Es ist daher anzunehmen, dass die Angabe, dass Ackermann von einem Sturmbannführer erschossen worden sei, ebenfalls auf einem Bericht oder einer Erklärung eines ehemaligen Häftlings aus dem KL Auschwitz oder aus der damaligen Widerstandsbewegung beruht. Irgendjemand muss daher einmal berichtet haben, der Häftling Ackermann sei von einem Sturmbannführer erschossen worden. Im Hinblick darauf erscheint es möglich - jedenfalls ist es nicht mit Sicherheit auszuschliessen -, dass sich der Zeuge Toc. in der Person des damaligen Täters geirrt hat.

 

Der Angeklagte Kaduk musste daher trotz erheblichen Verdachts auch von dem Schuldvorwurf unter Ziffer 25 des Eröffnungsbeschlusses mangels Beweises freigesprochen werden.

 

X. Weitere Schuldvorwürfe gegen den Angeklagten Baretzki

 

1.

 

In Ziffer 2 des Eröffnungsbeschlusses wird dem Angeklagten Baretzki zur Last gelegt, in einer unbestimmten Zahl von Fällen durch einen Schlag mit der Hand, den er anderen SS-Angehörigen als "Spezialschlag" vorführte, Häftlinge getötet zu haben.

Er bestreitet dies. Er behauptet, er habe keinen Spezialschlag gehabt.

 

Der Zeuge Kugel. hat wohl gesehen, wie der Angeklagte mit Häftlingen Sport machte und sie geschlagen hat; er hat aber nicht gesehen, dass der Angeklagte jemanden totgeschlagen hätte.

Der Zeuge Stern. hat ausgesagt, der Angeklagte Baretzki habe auf der Lagerstrasse einem Häftling die Mütze heruntergerissen und ihm dann mit der Hand gegen die Halsschlagader geschlagen, so dass er tot umgefallen sei; das habe er in zwei bis drei Fällen gesehen. Die Aussage des Zeugen hat jedoch keinen Beweiswert. Wie bereits oben (5. Abschnitt III.9.) ausgeführt worden ist, ist der Zeuge Stern. unglaubwürdig. Auf die oben dargelegten Gründe kann Bezug genommen werden. Auf seine Aussagen konnten daher keine Feststellungen gestützt werden.

Der Zeuge Got. meinte, es sei nicht schlimm gewesen, wenn Baretzki mit der Hand geschlagen habe, da sei nicht viel geschehen. Demgegenüber hat der Zeuge Pol. geschildert, der Angeklagte habe mit der Hand und dem Ellenbogen geschlagen und sehr gefährlich nach den Häftlingen getreten; Baretzki hat selbst gesagt, wenn er einmal hinschlüge, fiele jeder Häftling um. Aber auch dieser Zeuge erinnert sich nicht, dass der Angeklagte einen Häftling totgeschlagen hätte.

Der Zeuge Ros. hat gesehen, dass Baretzki schwache Häftlinge durch einen Spezialschlag mit dem Ellenbogen umschlug, so dass sie liegenblieben. Er weiss jedoch nichts davon, ob jemand nach einem solchen Schlag gestorben ist.

Auch der Zeuge Bac. hat geschildert, wie der Angeklagte einen Häftling derart zusammenschlug