Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.811

Schliesslich hat noch der Zeuge Wö. bekundet, er habe gesehen, dass der Angeklagte Kaduk Menschen erschossen habe. Der Zeuge will seine Beobachtungen aus dem Arrestbunker heraus gemacht haben. Der Zeuge war ausweislich des Bunkerbuches vom 28.8.1943 bis zum 23.11.1943 im Arrestbunker eingesperrt (Bunkerbuch Band II Seite 36). Er kann somit Erschiessungen durch den Angeklagten Kaduk im Mai 1943 oder im August 1944 nicht gesehen haben. Nur diese werden dem Angeklagten Kaduk unter Ziffer 12 des Eröffnungsbeschlusses zur Last gelegt.

Nur am Rande sei darauf hingewiesen, dass nach den getroffenen Feststellungen im August 1944 keine Erschiessungen mehr an der Schwarzen Wand stattgefunden haben. Wie bereits im 3. Abschnitt unter E.III.3. ausgeführt worden ist, wurde die Schwarze Wand nach dem Kommandantenwechsel im November 1943 abgerissen (Aussage des Zeugen Pi.). Erschiessungen fanden ab Februar 1944 nur noch an der Sauna in Birkenau statt, dagegen nicht mehr im Hof zwischen Block 10 und 11 (Aussage des Zeugen Sm.).

 

Der Angeklagte Kaduk war daher von den in Ziffer 12 des Eröffnungsbeschlusses enthaltenen Schuldvorwürfen mangels Beweises freizusprechen.

 

3.

 

Unter Ziffer 22 des Eröffnungsbeschlusses wird dem Angeklagten Kaduk zur Last gelegt, bei der letzten öffentlichen Exekution am 30.12.1944 (vgl. oben 5. Abschnitt III.8.) mitgewirkt zu haben.

Der Angeklagte Kaduk war zwar bei dieser Exekution dabei. Zu einer Verurteilung kann dies jedoch nicht führen. Es gilt hier das gleiche, was bereits oben in diesem Abschnitt unter III.8. bezüglich des Angeklagten Boger erörtert worden ist. Auf diese Ausführung kann daher Bezug genommen werden.

Der Angeklagte Kaduk musste daher ebenso wie der Angeklagte Boger in diesem Punkt mangels Beweises freigesprochen werden.

 

4.

 

Dem Angeklagten Kaduk wird schliesslich unter Ziffer 25 des Eröffnungsbeschlusses zur Last gelegt, ein oder zwei Tage nach der Evakuierung des Konzentrationslagers Auschwitz den holländischen Häftling Ackermann in den Bauch geschossen zu haben, so dass der Häftling an den erlittenen Verletzungen verstorben sei.

Zu diesem Schuldvorwurf hat nur der Zeuge Toc. Bekundungen gemacht. Der Zeuge hat ausgesagt, er sei nach der Evakuierung des Lagers im Lager zurückgeblieben und habe die bettlägerigen Kranken versorgt. Im Block 28 habe er aus der Diätküche Verpflegung geholt und habe den Kranken auch Wasser gebracht. Einmal sei er gerade im Block 28 die Stiege heruntergekommen, da habe er den Angeklagten Kaduk mit einem holländischen Häftling stehen sehen. Kaduk habe dem Häftling ungefähr 3 m gegenübergestanden. Kaduk habe plötzlich die Pistole gezogen und den Häftling niedergeschossen. Er - der Zeuge - sei sofort die Stiege heruntergesprungen und habe sich versteckt. Kaduk habe dann weiter geschossen. Der Häftling, den Kaduk niedergeschossen habe, sei im HKB als Pfleger oder Häftlingsarzt beschäftigt gewesen. Er habe den Namen Ackermann gehabt. Zwei Ärzte hätten ihm - dem Zeugen - bestätigt, dass Ackermann an den Folgen von Bauchschüssen gestorben sei. Der Zeuge hat als möglich eingeräumt, dass er den Namen Ackermann erst später erfahren habe.

 

Das Gericht konnte nicht die sichere Überzeugung gewinnen, dass der Zeuge Toc. den Angeklagten Kaduk damals so genau gekannt habe, dass er ihn bei dem geschilderten Vorfall einwandfrei hat identifizieren können. Der Vorfall muss sich nach der Schilderung des Zeugen ziemlich schnell abgespielt haben. Nachdem der erste Schuss gefallen war, ist der Zeuge sofort weggelaufen. Bei seiner früheren Vernehmung im Ermittlungsverfahren hat der Zeuge angegeben, dass er den Vorfall aus Block 17, den er gerade habe verlassen wolle, beobachtet habe. Nach seiner Bekundung in der Hauptverhandlung will er den Vorfall von Block 28 aus gesehen habe. Nach der früheren Schilderung soll Kaduk an der Ecke der Häftlingsküche im Gespräch mit Ackermann