Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.810

Bedenken (vgl. oben 3. Abschnitt E.III.3.; 3. Abschnitt P.III.2. und Q.III.2.; 5. Abschnitt I.2a.). Es ist daher nicht sicher, ob der Zeuge Dr. Gl. bezüglich des Angeklagten Kaduk zutreffende Bekundungen gemacht hat.

Aber auch wenn man unterstellt, dass die Angaben des Zeugen Dr. Gl. insoweit im Kern richtig sind und der Angeklagte Kaduk tatsächlich wiederholt Personengruppen in den Block 11 geführt und erschossen hat, was bei seiner Funktion als Rapportführer durchaus nahe liegt, kann nicht festgestellt werden, welche Personengruppen der Angeklagte Kaduk erschossen hat. Um Häftlinge, die im Bunker eingesessen haben, kann es sich nicht gehandelt haben, da die Opfer nach der Aussage des Zeugen Dr. Gl. erst in den Block 11 geführt worden sind. Bei den Erschiessungen kann es sich also nicht um Exekutionen nach sog. Bunkerentleerungen gehandelt haben. Es ist vielmehr anzunehmen, dass die Opfer von ausserhalb zu Exekutionen in das Lager Auschwitz eingeliefert worden sind. Jedenfalls kann dies nicht ausgeschlossen werden. Ob gegen diese Menschen durch Sondergerichte oder Polizeistandgerichte Todesurteile verhängt worden waren oder ob gegen sie nur Exekutionsanordnungen des RSHA vorlagen, muss offen bleiben. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass diese Personen durch irgendwelche Gerichte zum Tode verurteilt worden waren. Inwieweit diese Todesurteile und dementsprechend die Exekutionen rechtswidrig waren, konnte nicht geklärt werden, da die näheren Umstände nicht bekannt sind. Auch wenn sie rechtswidrig waren, was nur vermutet werden kann, ist dem Angeklagten Kaduk nicht mit Sicherheit nachzuweisen, dass er den verbrecherischen Charakter der Erschiessungsbefehle erkannt hat, was Voraussetzung für seine strafrechtliche Verantwortlichkeit wäre (§47 MStGB), da er, was zu seinen Gunsten angenommen werden muss, an den Erschiessungen nur auf Befehl mitgewirkt hat.

Die Aussage des Zeugen Dr. Gl. kann daher, auch wenn man unterstellt, dass der Zeuge zutreffend berichtet hat, nicht zu einer Verurteilung des Angeklagten Kaduk führen, ganz abgesehen davon, dass aus der Aussage des Zeugen Dr. Gl. nicht hervorgeht, ob die Erschiessungen durch den Angeklagten Kaduk im Mai 1943 oder im August 1944 stattgefunden haben.

 

Der Zeuge Fab. will ebenfalls gesehen haben, wie der Angeklagte Kaduk Menschen an der Schwarzen Wand erschossen hat. Kaduk habe niemals - so hat der Zeuge angegeben - sein Gewehr hinter dem Rücken versteckt. Er habe zusammen mit Stiebitz, Lachmann und Palitzsch geschossen. Palitzsch war bereits im Frühjahr 1943 mit Hofmann nach Birkenau gekommen. Es erscheint daher zweifelhaft, ob der Zeuge tatsächlich Kaduk zusammen mit Palitzsch hat schiessen sehen.

Gegen die Zuverlässigkeit des Erinnerungsvermögens des Zeugen bestehen Bedenken. Es kann hierzu auf die Ausführungen im 3. Abschnitt unter E.II.3. Bezug genommen werden. Aber auch wenn es stimmt, dass der Zeuge Fab. den Angeklagten Kaduk wiederholt Menschen an der "Schwarzen Wand" hat erschiessen sehen, was bei der Funktion des Angeklagten Kaduk im Lager durchaus nahe liegt, so fehlt es an Anhaltspunkten dafür, welche Personengruppen durch den Angeklagten Kaduk erschossen worden sind und welches 169 die Gründe für die Erschiessungen der Menschen gewesen sind. Dass es sich um Häftlinge aus dem Lager oder um Häftlinge aus dem Arrestbunker, die nach sog. Bunkerentleerungen erschossen worden sind, gehandelt habe, hat der Zeuge Fab. nicht behauptet. Es kann sich daher in den vom Zeugen Fab. beobachteten Fällen ebenfalls um Zivilpersonen gehandelt haben, die zu Exekutionen in das KL Auschwitz eingeliefert worden sind.

Hier gilt das gleiche, was bereits bei der Erörterung der Aussage des Zeugen Dr. Gl. (siehe oben) ausgeführt worden ist. Es kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden, dass die Menschen rechtswidrig getötet worden sind, wenn hierfür auch eine starke Vermutung besteht. Ebenso kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Angeklagte Kaduk nur auf Befehl an den Erschiessungen mitgewirkt hat und es kann ihm nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden, dass er den verbrecherischen Charakter der ihm gegebenen Befehle erkannt hat, wenn man einmal unterstellt, dass die Erschiessungen rechtswidrig waren.

Die Aussage des Zeugen Fab. kann daher ebenfalls nicht zu einer Verurteilung des Angeklagten Kaduk wegen Mordes oder Beihilfe zum Mord oder wegen Totschlags oder Beihilfe zum Totschlag führen.

169 Sic!