Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.809

gewesen sein, der nicht zugeben wollte, dass er bei seiner Vernehmung im Ermittlungsverfahren als angeblicher Augenzeuge über Vorfälle berichtet hat, die er gar nicht selbst beobachtet hat. Jedenfalls muss nach der ursprünglichen Aussage des Zeugen in der Hauptverhandlung mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass der Zeuge tatsächlich nur die Einlieferung des misshandelten holländischen Häftlings in den HKB, jedoch nicht dessen Misshandlung gesehen hat, ohne dass mit Sicherheit festgestellt werden kann, wer den Häftling geschlagen und misshandelt hat.

 

Eine sichere Überführung des Angeklagten Kaduk war daher in diesem Fall nicht möglich. Er musste daher mangels Beweises freigesprochen werden.

 

2.

 

Dem Angeklagten Kaduk wird ferner unter Ziffer 12 des Eröffnungsbeschlusses zur Last gelegt, im Mai 1943 und im August 1944 an etwa 8-10 Erschiessungen von Häftlingen an der "Schwarzen Wand" mitgewirkt zu haben.

Auch in diesem Anklagepunkt konnte der Angeklagte Kaduk einer strafbaren Handlung nicht mit Sicherheit überführt werden.

 

Der Zeuge Law. hat bekundet, dass er den Angeklagten Kaduk mehrfach mit einem Gewehr auf den Block 11 habe gehen sehen. Kaduk habe in diesen Fällen Gummistiefel angehabt. Auch der Zeuge Bart. hat nach seiner Bekundung gesehen, wie der Angeklagte Kaduk mit einem Kleinkalibergewehr auf Block 11 gegangen ist. Das spricht zwar dafür, dass der Angeklagte Kaduk zu Erschiessungen in den Block 11 gegangen ist und dort an den Erschiessungen in irgend einer Weise teilgenommen hat, wobei es allerdings offen bleiben muss, ob er auch eigenhändig geschossen hat. Aus den Aussagen der Zeugen ergibt sich jedoch nicht, welche Personengruppen an der Schwarzen Wand getötet worden sind und welches der Grund für ihre Erschiessung war. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass es sich um Zivilisten gehandelt hat, die auf Grund von Stand- oder Sondergerichtsurteilen zur Erschiessung in das Lager Auschwitz eingeliefert worden waren. Da nähere Umstände nicht bekannt sind, kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden, dass die Erschiessungen rechtswidrig waren. Das kann allenfalls vermutet werden. Für eine Verurteilung reichen solche Vermutungen jedoch nicht aus. Nicht zu klären ist auch, ob der Angeklagte Kaduk, der - was zu seinen Gunsten angenommen werden muss - auf Befehl zu diesen Erschiessungen hingegangen ist, klar erkannt hat, dass die befohlenen Exekutionen ein allgemeines Verbrechen darstellten, wenn man einmal unterstellt, dass sie rechtswidrig waren. Schliesslich fehlen auch jegliche Anhaltspunkte dafür, ob es sich bei den Exekutionen, zu denen der Angeklagte Kaduk nach den Beobachtungen der Zeugen Law. und Bart. hingegangen ist, um Erschiessungen im Mai 1943 oder im August 1944, die allein in Ziffer 12 des Eröffnungsbeschlusses dem Angeklagten Kaduk zur Last gelegt werden, gehandelt hat.

 

Auf Grund der Aussagen dieser beiden Zeugen konnte daher der Angeklagte Kaduk nicht des Mordes und der Beihilfe zum Mord im Sinne von Ziffer 12 des Eröffnungsbeschlusses oder des Totschlages oder der Beihilfe zum Totschlag überführt werden.

 

Der Zeuge Dr. Gl. will oft gesehen haben, wie der Angeklagte Kaduk Gruppen von Häftlingen zu Block 11 geführt und dort erschossen hat. Einmal hat Kaduk - so hat der Zeuge ausgesagt - eine Gruppe von Menschen vor sich her zu Block 11 getrieben.

Nach einer halben Stunde seien die Leichenträger, zu denen er auch gehört habe, zu Block 11 bestellt worden. Dann seien die Menschen erschossen worden. Kaduk habe jeweils Gruppen von 8-10 Personen zu Block 11 geführt. Es seien zahlreiche Gruppen gewesen, die er zu Block 11 gebracht habe. Insgesamt seien es bestimmt mehr als 20 Gruppen gewesen. Jede Gruppe habe aus mindestens 8 Personen bestanden. Viele Gruppen seien auch erheblich stärker gewesen. Kaduk sei jeweils allein gewesen.

Der Angeklagte Kaduk müsste demnach nach der Aussage des Zeugen Dr. Gl. mehr als 80 Personen eigenhändig erschossen haben.

 

Wie schon mehrfach ausgeführt, bestehen gegen die Zuverlässigkeit des Zeugen Dr. Gl.