Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.808

IX. Weitere Schuldvorwürfe gegen den Angeklagten Kaduk

 

1.

 

Dem Angeklagten Kaduk wird unter Ziffer 4 des Eröffnungsbeschlusses zur Last gelegt, im Sommer 1943 einen jüdischen Häftling aus Holland, bei dem er Lebensmittel gefunden haben soll, so schwer misshandelt zu haben, dass der Häftling bewusstlos in den HKB habe eingeliefert werden müssen, wo er kurze Zeit später in Block 21 an den Folgen dieser Misshandlung gestorben sein soll.

Der Angeklagte Kaduk konnte dieser Tat, die er leugnet, nicht mit jedem Zweifel ausschliessender Sicherheit überführt werden.

 

Der Zeuge Rei. hat in der Hauptverhandlung zunächst bekundet, dass der Angeklagte Kaduk im Sommer 1943 einmal bei einer "Visitation" am Lagertor einen holländischen Häftling so geschlagen habe, dass der Häftling zu ihnen in den HKB hätte eingeliefert werden müssen. Der Häftling sei an den Folgen der Misshandlung gestorben. Er - der Zeuge - sei damals im HKB gewesen und hätte die Einlieferung des Häftlings gesehen. Auf die Frage, woher der Zeuge wisse, dass Kaduk den holländischen Häftling zuvor geschlagen habe, musste der Zeuge einräumen, dass er das nur vom Hörensagen wisse. Erläuternd hat er hinzugefügt, dass die Funktionshäftlinge - der Zeuge war als Schreiber im HKB eingesetzt, zählte also auch zu den Funktionshäftlingen - alle Dinge, die im Lager vorgefallen seien, erfahren hätten. Er selbst habe jedoch - so hat der Zeuge erklärt - die Misshandlung nicht selbst mitangesehen. Der Zeuge konnte nicht mehr angeben, wer ihm damals berichtet hat, dass der Angeklagte Kaduk diesen holländischen Häftling geschlagen habe. Wenn dem Angeklagten Kaduk nach seinem sonstigen Verhalten im KL Auschwitz auch ohne weiteres zuzutrauen ist, dass er den holländischen Häftling misshandelt hat, konnte das Gericht jedoch nicht nachprüfen, ob dem Zeugen Rei. damals zutreffend berichtet worden ist. Es gab im KL Auschwitz noch andere SS-Männer und SS-Unterführer, die die Häftlinge geschlagen und misshandelt haben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die nicht bekannten Gewährsleute des Zeugen Rei. sich in der Person des Täters geirrt haben oder dass sie die Misshandlungen selbst nicht mit angesehen sondern davon ebenfalls nur von anderen gehört haben, wobei nicht feststellbar ist, ob die Berichte der anderen Häftlinge auf eigenen Beobachtungen oder nur auf Vermutungen beruhten.

 

Die Erinnerung des Zeugen Rei. erschien im übrigen nicht mehr ganz zuverlässig. Seine Aussage in der Hauptverhandlung stand in Widerspruch zu der Aussage, die er bei seiner früheren Vernehmung durch den Untersuchungsrichter am 15.1.1962 gemacht hat. Damals hat er behauptet, er habe auf einem dienstlichen Gang mit eigenen Augen gesehen, wie der Angeklagte Kaduk ein Häftlingskommando am Lagertor "gefilzt" und dabei den holländischen Häftling zusammengeschlagen habe. Diese Aussage hat er in der Hauptverhandlung zunächst nicht mehr aufrecht erhalten. Wie schon ausgeführt, will er nach seiner Bekundung in der Hauptverhandlung nur die Einlieferung des misshandelten Häftlings in den HKB gesehen haben. Letzteres erscheint glaubhafter. Denn der Zeuge hat damals als Schreiber im Block 21 gearbeitet. An dem Lagertor hatte er an sich nichts zu tun. Als dem Zeugen dann in der Hauptverhandlung seine frühere Aussage vorgehalten wurde, erklärte er plötzlich, er habe doch das "Filzen" der Häftlinge durch den Angeklagten Kaduk am Lagertor gesehen. Eine überzeugende Erklärung für seine widersprüchlichen Angaben konnte der Zeuge nicht geben. Es muss daher mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass der Zeuge bei seiner früheren Vernehmung eigene Beobachtungen mit den Berichten anderer Häftlinge und eigenen Schlussfolgerungen vermengt und - vielleicht guten Glaubens - wahrheitswidrig behauptet hat, er habe das "Filzen" durch Kaduk und die Misshandlung des holländischen Häftlings mit eigenen Augen gesehen. Wenn er in der Hauptverhandlung auf den Vorhalt aus der früheren Vernehmung hin schliesslich wieder - in Widerspruch zu seiner ursprünglichen Aussage in der Hauptverhandlung - zu der früheren Aussage zurückgekehrt ist, so konnte das nicht zu der sicheren Überzeugung führen, dass die damaligen Angaben richtig waren. Die Reaktion des Zeugen nach dem Vorhalt aus der früheren Vernehmung kann vielmehr die Reaktion eines bei einem Widerspruch ertappten Zeugen