Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.807

des Blockes 18 im Stammlager untergebrachten Kinder zwischen 6 und 12 Jahren auf Veranlassung des Angeklagten ausgesondert und in Birkenau durch Gas umgebracht worden sein.

Der Angeklagte behauptet, die Kinder seien ordnungsgemäss nach Birkenau verlegt, aber nicht getötet worden.

Ausser dem Gastwirt Gr. konnte kein Zeuge Bekundungen hierzu machen. Nach seiner Schilderung hat er eines Tages ein Gespräch zwischen Hofmann und dem ersten Schutzhaftlagerführer Schwarz mit angehört. Hofmann habe gesagt, diese Kinder müssten aus dem Lager und "überstellt" (vergast) werden. Früher hat der Zeuge erklärt, er habe nicht hören können was Hofmann über das Schicksal der Kinder bestimmt habe; er habe aber selbst die für diese Kinder aufgestellten Transportlisten bearbeitet und wisse, da sie mit dem Vermerk "B II f" versehen gewesen seien, dass diese 40-50 Kinder vergast worden seien; Hofmann sei hierfür allein verantwortlich. Nach Vorhalt dieser Aussagen erklärte der Zeuge dann, von den Kindern seien nicht viele übrig geblieben, ein Teil sei nach Reisko, ein Teil nach Birkenau gekommen. Hofmann habe ihm die Transportlisten gegeben, damit er sie auf die Schreibstube bringe; sie seien vom 1. Schutzhaftlagerführer Schwarz und dem Angeklagten Hofmann, der damals 3. Schutzhaftlagerführer war, unterzeichnet gewesen.

 

Diese nicht aufgeklärten Widersprüche begründen erhebliche Bedenken gegen die Zuverlässigkeit des Zeugen. Die Bedenken werden verstärkt durch den Umstand, dass der Zeuge anfänglich in der Hauptverhandlung zu seinem Lebensweg bewusst unrichtige Angaben gemacht hat. Er hat nämlich bekundet, er habe - um sich zu tarnen - Fragebogen gefälscht und sei deshalb wegen Urkundenfälschung im Mai oder Juni 1939 in Abwesenheit zu einem oder zwei Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Erst auf Vorhalt räumte er ein, damals auch wegen Betrugs bestraft worden zu sein. Seine Vorstrafen stünden aber in Zusammenhang mit seiner Flucht vor den Verfolgungen im Dritten Reich, sein Vater sei Israelit gewesen. Erst nach Verlesen des über ihn eingeholten Strafregisterauszuges gab er zu, bereits vor 1933 wegen Rückfallbetrugs bestraft worden zu sein.

Die Aussage des Zeugen Gr. konnte daher nicht als Grundlage für sichere Feststellungen dienen.

 

5.

 

Im Januar 1944 soll der Angeklagte nach Ziffer 9 des Eröffnungsbeschlusses in der alten Wäscherei zwischen Block 1 und 2 gemeinsam mit dem Angeklagten Kaduk und dem damaligen Rapportführer Clausen etwa 600 Häftlinge, darunter auch einige Kinder, ausgesondert und veranlasst haben, dass sie durch Gas getötet wurden.

Der Zeuge Wö. konnte dazu lediglich bekunden, er habe von anderen Häftlingen gehört, der Angeklagte habe an einer Selektion im Januar 1944 in der alten Wäscherei teilgenommen. Vom Standortarzt habe er erfahren, dass diese Selektion von Berlin befohlen gewesen sei, daraus habe er geschlossen, dass es eine Selektion zur Vergasung gewesen sei.

Die Schlussfolgerung des Zeugen Wö. mag zutreffend sein; die Mitteilung der "anderen Häftlinge" ist aber kein sicherer Beweis dafür, dass Hofmann wirklich mit selektiert hat. Wö. konnte die Mitteilung nicht überprüfen, der Ursprung des Wissens dieser anderen Häftlinge ist ungewiss.

Der Zeuge Stein. hat zwar bekundet, dass der Angeklagte einer Kommission angehört habe, die zwischen Frühling und Herbst 1943 allgemeine Selektionen im Lager durchgeführt habe - diese Vorgänge sind nicht Gegenstand des Eröffnungsbeschlusses -, er hat aber weiterhin ausgesagt, die Selektion in der alten Wäscherei im Winter 1943/1944 sei durch Kaduk und Clausen vorgenommen worden, den Namen des Angeklagten Hofmann nannte er in diesem Zusammenhange nicht. Dieser Umstand ist ein Indiz dafür, dass Hofmann an dieser ihm vorgeworfenen Tat möglicherweise, wie er behauptet, nicht beteiligt war.

 

In den Punkten 3, 4, 5, 7, 8 und 9 des Eröffnungsbeschlusses musste der Angeklagte Hofmann somit mangels Beweises freigesprochen werden.