Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.804

persönlich erklärt habe, Schlage habe ihn zum Hungertod verurteilt mit der Erklärung: "Du bleibst jetzt hier, bis Du vor Hunger verreckst."

Bei seiner ersten Vernehmung in der Hauptverhandlung hat der Zeuge Se. ferner ausgesagt, dass er nur von Funktionshäftlingen gehört habe, dass sie dem deutschen Artisten nichts mehr zu essen geben dürften und dass Schlage aufpasse, dass der Artist keine Verpflegung mehr erhalte. Nach seiner zweiten Vernehmung will der Zeuge das Gespräch zwischen Schlage und den Kalfaktoren selbst durch die Zellentür mit angehört haben. Diese Unstimmigkeiten in beiden Aussagen des Zeugen Se. zeigen ebenfalls, dass er keine sichere Erinnerung mehr an die damaligen Vorgänge hat.

 

Schliesslich konnte auch nicht mit Sicherheit festgestellt werden, dass der Angeklagte Schlage am 5.2.1943 noch als Arrestaufseher im Block 11 tätig gewesen ist. Die Zeugin Berge. hat glaubhaft bekundet, dass sie den Angeklagten Schlage im Januar oder Februar 1943 in Golleschau kennengelernt hat. Ihr Vater sei damals Betriebsleiter einer Zementfabrik in Golleschau gewesen. Er habe eines Tages den Angeklagten Schlage in ihre Wohnung eingeführt. Die Zeugin wusste allerdings nicht mehr genau, wann dies gewesen war. Sie gab an, dass sie sich aber noch erinnern könne, es sei etwa 10-14 Tage nach ihrer Verlobung gewesen, als ihr Vater den Angeklagten Schlage in ihre Wohnung eingeladen habe. Ihre Verlobung sei am 24.1.1943 gewesen. Die Einführung des Angeklagten Schlage in die Wohnung Berge. müsste demnach zwischen dem 3. und 7.2.1943 gewesen sein. Zieht man in Betracht, dass der Vater Berge. den Angeklagten Schlage, der - wie er unwiderlegt angibt - in der damaligen Zeit Kommandoführer eines Häftlingskommandos in Golleschau gewesen ist, wahrscheinlich nicht schon am ersten Tag nach seinem Eintreffen in Golleschau zu sich in die Wohnung eingeladen hat, so erscheint es fraglich, ob Schlage in der ersten Februarwoche 1943 überhaupt noch als Arrestaufseher im Arrestblock Nr.11 gewesen ist.

Unwahrscheinlich erscheint es jedenfalls, dass der Angeklagte Schlage noch am 13.2.1943, dem Tag der Entlassung des Zeugen Se. aus dem Arrestbunker, noch im Block 11 eingesetzt war.

Der Zeuge Se. hat jedoch behauptet, dass ihn der Angeklagte Schlage bei seiner Entlassung habe "ausschreiben" müssen. Auch insoweit dürfte sich der Zeuge irren. Denn nach der Aussage der Zeugin Berge. müsste Schlage zu dieser Zeit auf jeden Fall schon in Golleschau gewesen sein. Im übrigen erscheint es auch unwahrscheinlich, dass der Angeklagte Schlage die schriftlichen Eintragungen gemacht hat. Das war Sache des Blockschreibers, zu der damaligen Zeit der Zeuge Pi.

 

Aus all diesen Gründen erscheint es nicht sicher, dass der Zeuge Se. irrtumsfrei den Angeklagten Schlage mit dem Hungertod des deutschen Artisten (Bruno Graf) in Verbindung bringt. Das Schwurgericht konnte daher trotz erheblichen Verdachtes nicht mit jeden Zweifel ausschliessender Sicherheit feststellen, dass der Angeklagte Schlage einen kausalen Tatbeitrag zu dem Hungertod des deutschen Artisten geleistet hat.

 

Dem Angeklagten Schlage konnte auch nicht nachgewiesen werden, dass er für den Hungertod eines anderen Häftlings namens Heinz Romann verantwortlich war.

Der Zeuge Brei. hat zwar glaubhaft geschildert, dass man in der Zeit zwischen dem 11.4.1943 und dem 25.6.1943 einen deutschen Häftling namens Heinz Romann in einer der Stehzellen im Arrestbunker habe verhungern lassen. Der Zeuge, der selbst im Arrestbunker inhaftiert war, hat diesen Hungertod selbst miterlebt und ihn eingehend geschildert. Nach der dem Häftling Heinz Romann betreffenden Eintragungen im Bunkerbuch ist dieser Häftling am 18.12.1942 in den Bunker eingeliefert worden und am 31.5.1943 verstorben. Der Zeuge Brei. konnte jedoch nicht angeben, ob damals der Angeklagte Schlage Arrestaufseher im Block 11 gewesen ist. Er hat erklärt, dass er keine Anhaltspunkte dafür habe, dass der Angeklagte Schlage den Häftling Romann habe verhungern lassen.

Von dem Zeugen Krx. sind noch weitere Fälle, in denen man Häftlinge im Arrestbunker, und zwar in den Stehzellen, hat verhungern lassen, geschildert worden. Der Zeuge Krx. hat jedoch in keinem Fall behauptet, dass der Angeklagte Schlage mit dem Hungertod dieser Häftlinge etwas zu tun gehabt habe. Andere Zeugen haben den Angeklagten Schlage insoweit nicht belastet.