Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.803

Es bestehen jedoch Bedenken, ob der Zeuge Se. den Hungertod des Artisten (Bruno Graf) zutreffend mit dem Angeklagten Schlage in Verbindung bringt. Es erscheint nicht ausgeschlossen, dass der Zeuge - nach 20 Jahren - guten Glaubens den Angeklagten Schlage mit einem anderen SS-Angehörigen, der für den Tod des Artisten verantwortlich ist, verwechselt. Diese Bedenken des Gerichts beruhen auf folgendem:

Der Zeuge Krx., der - wie bereits mehrfach erwähnt - vom 18.12.1942 bis 15.2.1943 im Arrestbunker inhaftiert war und auf den sich der Zeuge Se. als Zeugen für den Hungertod des deutschen Artisten berufen hat, hat bei seiner Vernehmung in der Hauptverhandlung erklärt, Bruno Graf sei von dem SS-Oberscharführer Gehring in die Stehzelle gebracht worden. Gehring habe darauf geachtet, dass Graf nichts zu essen erhalte. An den Namen Schlage konnte sich der Zeuge Krx. nicht mehr erinnern. Er hat zwar gemeint, er habe so einen Namen wie Schlage gehört, mit Bruno Graf hat er ihn jedoch nicht in Verbindung gebracht. Wenn auch der Zeuge Krx. in anderer Hinsicht nicht zuverlässig erschien, ist es doch denkbar, dass Gehring als Arrestverwalter der Bruno Graf in den Arrestbunker eingeliefert und an ihn die Worte gerichtet hat: "Du bleibst jetzt hier, bis Du vor Hunger verreckst." Es erscheint dann naheliegend, dass Gehring als Arrestverwalter darüber gewacht hat, dass Bruno Graf nichts mehr zu essen bekam.

 

Weitere Bedenken gegen die Zuverlässigkeit des Erinnerungsvermögens des Zeugen Se. an den für den Hungertod des deutschen Artisten verantwortlichen SS-Angehörigen ergeben sich aus folgendem: Der Zeuge hat sich ursprünglich, als Ermittlungen wegen der Vorgänge im KL Auschwitz durchgeführt wurden, brieflich an den Zeugen La. gewandt und ihm seine Erlebnisse im KL Auschwitz geschildert. In diesem Brief hat er die Namen einer Reihe von ehemaligen SS-Angehörigen, die im KL Auschwitz tätig gewesen sind, genannt. Den Namen des Angeklagten Schlage hat er jedoch in dem Brief nicht erwähnt. Bei seiner Vernehmung durch den Untersuchungsrichter am 8.10.1962 hat der Zeuge Se. ebenfalls eine Reihe von Namen ehemaliger SS-Angehöriger aus dem KL Auschwitz genannt, so die Namen Boger, Wosnitza, Lachmann, Grabner, Aumeier, Palitzsch, Kaduk, Glombik, Hofmann, Fries, Klehr, B. und Bednarek. Den Namen des Angeklagten Schlage hat er jedoch nicht angeführt. Als ihm Lichtbilder früherer SS-Angehöriger im KL Auschwitz, unter denen sich auch die Fotografie des Angeklagten Schlage befand, durch den Untersuchungsrichter vorgelegt wurden, hat der Zeuge den Angeklagten Schlage nicht erkannt. Ferner hat er sich, als ihm durch den Untersuchungsrichter eine Liste mit Namen vorgelegt wurde, auf der auch der Name des Angeklagten Schlage verzeichnet war, nicht an den Namen Schlage erinnern können. Bei seiner Vernehmung in der Hauptverhandlung hat der Zeuge auf Befragen zunächst abgestritten, dass ihm durch den Untersuchungsrichter solche Bilder und eine Liste vorgelegt worden seien. Erst auf besonderen Vorhalt aus den Akten musste er einräumen, dass ihm tatsächlich Bilder gezeigt worden sind. Das zeigt, dass seine Erinnerung an die damalige Vernehmung nicht mehr ganz zuverlässig ist. Auf die Frage des Verteidigers, warum der Zeuge bei seinen früheren Vernehmungen des Angeklagten Schlage nicht genannt habe, antwortete der Zeuge, dass er den Namen Schlage in der Zeitung gelesen habe. Durch diese Zeitungsnotiz sei ihm der Name Schlage wieder in Erinnerung gekommen. Damit ist jedoch nicht geklärt, warum der Zeuge, als ihm die Liste mit den Namen der ehemaligen SS-Angehörigen, auf der auch der Name Schlage stand, keine Vorstellung mit dem Namen Schlage hat verbinden können. Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Zeuge infolge des Zeitungsberichtes nachträglich irrtümlich annimmt, dass Schlage für den Hungertod des deutschen Artisten (Bruno Graf) verantwortlich sein müsse, weil er eine Zeitlang Arrestaufseher im Block 11 gewesen ist (was der Zeuge wahrscheinlich aus der Zeitung erfahren hat). Die Gefahr einer Verwechslung ist vor allem auch deswegen nicht auszuschliessen, weil im Arrestblock eine Zeitlang ein SS-Angehöriger mit dem ähnlich klingenden Namen "Plagge" tätig war.

 

Bedenken gegen die Zuverlässigkeit des Erinnerungsvermögens des Zeugen Se. an die damaligen Vorgänge im Block 11 bestehen ferner deswegen, weil der Zeuge bei seinen beiden Vernehmungen in der Hauptverhandlung abweichende Darstellungen gegeben hat. Bei der ersten Vernehmung hat der Zeuge nichts davon erwähnt, dass der deutsche Artist mit ihm vor seinem Tode persönlich gesprochen habe und dass ihm Bruno Graf