Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.802

Schlage sei damals eine Zeitlang im Urlaub gewesen. Als Schlage aus dem Urlaub zurückgekommen sei, hätten ihm - dem Zeugen - die Kalfaktoren erzählt, dass sie dem Artisten nichts mehr zu essen geben dürften. Schlage passe auf, dass der Artist nichts mehr erhalte. Er - der Zeuge - habe dann aus seiner Zelle gehört, wie der Artist immer schwächer geworden sei. Schliesslich sei der Artist gestorben. Er - der Zeuge - habe gehört, wie man die Leiche aus dem Loch, durch das man in die Stehzelle habe hineinkriechen müssen, herausgeschleift habe. Als er - Se. - aus dem Bunker entlassen worden sei, habe Schlage ihn "ausschreiben" müssen.

 

Bei seiner zweiten Vernehmung in der Hauptverhandlung am 6.8.1964 hat der Zeuge die Sache etwas anders und zwar wie folgt dargestellt: Während er im Bunker in Block 11 gewesen sei, habe ein deutscher Artist, der in einer Stehzelle eingesperrt gewesen sei, ihm - Se. - erzählt, "das Schlage ihn zum Verhungern verurteilt habe". Schlage hätte zu ihm - dem Artisten - gesagt: "Jetzt wirst Du vor Hunger verrecken!" Der Artist habe den Namen "Schlage" genannt. Als der Artist ihm - Se. - das erzählt habe, sei Schlage im Urlaub gewesen. Während des Urlaubs des Angeklagten Schlage hätten die Kalfaktoren dem Artisten zu essen und zu trinken gegeben. Als Schlage aus dem Urlaub zurückgekommen sei, habe er sich gewundert, dass der Artist noch am Leben sei. Seine Verwunderung habe er den Kalfaktoren gegenüber geäussert. Er habe sie beschuldigt, dass sie in seiner - Schlages - Abwesenheit dem deutschen Artisten zu essen und zu trinken gegeben hätten. Dieses Gespräch zwischen Schlage und den Kalfaktoren habe er - Se. - in seiner Zelle durch die Zellentür hindurch mit angehört. Während des Gespräches habe er den Angeklagten Schlage nicht gesehen. Es sei morgens gegen 11.00 Uhr gewesen. Gegen 12.00 Uhr habe er - Se. - Mittagessen bekommen. Beim Austeilen des Mittagessens sei Schlage dabeigewesen. Er habe die Zellentüren aufgeschlossen. Daher müsse er an diesem Vormittag Dienst gehabt und auch die Äusserung gegenüber den Kalfaktoren, die er - Se. - durch die Zellentür mit angehört habe, gemacht haben.

Schlage habe dann in der Folgezeit aufgepasst, dass der Artist kein Essen mehr erhalten habe. Er - Se. - habe sich noch deswegen mit anderen Häftlingen und auch mit dem Artisten unterhalten. Der Artist sei dann von Tag zu Tag schwächer geworden. Schliesslich habe er nur noch vor Hunger gebrüllt wie ein Tier. An einem Tag im Februar 1943 sei er schliesslich gestorben. Ja. habe ihn aus seiner Zelle herausgezerrt. Dies sei 8-10 Tage vor seiner - des Zeugen Se. - Entlassung aus dem Bunker gewesen.

 

Auf die Frage, welche sonstigen Zeugen das noch bestätigen könnten, hat der Zeuge Se. erklärt, der Zeuge Krx. habe diese Vorgänge miterlebt, er müsse sie daher bestätigen können.

Den Namen des Artisten wusste der Zeuge Se. nicht mehr. Auf die Frage, ob es sich bei dem Artisten um Bruno Graf gehandelt habe, der auch nach der Aussage anderer Zeugen verhungert sein soll und dessen Tod am 5.2.1943 im Bunkerbuch vermerkt ist, glaubte der Zeuge sich an diesen Namen wieder erinnern zu können.

Nach den einschlägigen Eintragungen im Bunkerbuch, die in der Hauptverhandlung durch Verlesen zum Gegenstand der Verhandlung gemacht worden sind, war der Zeuge Se. vom 21.1.1943 bis 13.2.1943 in dem Arrestbunker inhaftiert. Ein Häftling Bruno Graf befand sich vom 7.1.1943 bis zum 5.2.1943 im Arrestbunker (Bunkerbuch Band I Seite 105). Seine Einlieferung ist nach der Eintragung im Bunkerbuch auf Anordnung der Lagerführung erfolgt. Neben das Datum vom 5.2.1943 hat der Blockschreiber ein Kreuz gemacht. Das bedeutet an sich, dass der Häftling erschossen worden ist. Es könnte allerdings auch bedeuten, dass er (Hungers) gestorben ist. Denn reichsdeutsche Häftlinge wurden, soweit das in der Beweisaufnahme feststellbar war, nicht an der Schwarzen Wand erschossen. Wahrscheinlich befürchtete man Komplikationen. Es erscheint daher glaubhaft, dass der Zeuge Se. tatsächlich den Hungertod des Bruno Graf miterlebt hat. Seine Angabe, der Artist sei etwa 8-10 Tage vor seiner - des Zeugen - Entlassung verstorben, stimmt mit den Eintragungen im Bunkerbuch überein. Denn vom 5.2.1943 bis 13.2.1943 (dem Tag der Entlassung des Zeugen Se.) sind genau acht Tage vergangen.