Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.799

Diese Aussage enthält einige Unklarheiten. Der Zeuge hat behauptet, er habe selbst gesehen, wie der Angeklagte Dylewski den Sojecki aus Block 11 abgeholt habe. Von wo er diese Beobachtung gemacht haben will, hat der Zeuge nicht angegeben. Nach seiner Aussage war er selbst nicht in Block 11 untergebracht. Wie er angegeben hat, hat er von Sommer 1941 bis zur Hälfte des Jahres 1942 als Hilfsarbeiter in dem IG-Farben Buna-Werk gearbeitet. Das war gerade in der Zeit, in der der Häftling Sojecki von Dylewski von Block 11 abgeholt worden sein soll. Wenn aber der Zeuge im Buna-Werk in Monowitz gearbeitet hat, kann er die Abholung von Sojecki nicht gesehen haben. Allerdings hat er später auf Befragen der Staatsanwaltschaft erklärt, er sei während dieser Zeit krank geworden und habe sich deswegen auf dem Gebiet des Stammlagers, insbesondere auf Block 15 A aufgehalten, wohin ihn ein Kamerad namens Zycki gebracht habe.

Wenn der Zeuge Joa. aber krank war, ist kaum zu erklären, wieso er gesehen haben kann, dass der Angeklagte Dylewski den Sojecki aus dem Block 11 abgeholt hat, zumal Block 15 A und Block 11 weit auseinander lagen. Aus der Aussage des Zeugen geht auch nicht hervor, woher er weiss, dass der Angeklagte Dylewski den Sojecki vernommen hat. Er behauptet selbst nicht, dass er bei der Vernehmung dabeigewesen sei. Er musste auf Befragen des Woidwodschaftsstaatsanwalts einräumen, dass er mit dem Häftling Sojecki über seine Vernehmung nicht gesprochen habe. Von Sojecki kann er es also nicht erfahren haben.

Ferner bleibt ungeklärt, woher der Zeuge weiss, dass Sojecki bei der ersten Vernehmung lange geblieben und sehr geschlagen worden ist. Schliesslich hat der Zeuge auch nicht näher erläutert, woher er weiss, dass der Angeklagte Dylewski die zweite Vernehmung des Sojecki durchgeführt hat und dass in die SK gemeldet worden ist, dass Sojecki gestorben sei. Er selbst kann von dieser Meldung nicht unmittelbar erfahren haben, da er gar nicht in Block 11 untergebracht war. Auch in diesem Fall besteht der Verdacht, dass der Zeuge seine Angaben nur auf die Erzählung anderer Kameraden gestützt hat, ohne dass nachgeprüft werden kann, ob das, was ihm andere Häftlinge berichtet haben, der Wahrheit entspricht.

 

Es kann daher nicht mit Sicherheit festgestellt werden, dass der Angeklagte Dylewski den Häftling Sojecki vernommen und dabei so schwer misshandelt hat, dass der Häftling anschliessend gestorben ist, ganz abgesehen davon, dass jegliche Anhaltspunkte dafür fehlen, dass der Angeklagte Dylewski den Sojecki mit Tötungsvorsatz (direktem oder bedingtem Vorsatz) geschlagen hat.

 

Der Zeuge Joa. hat ferner behauptet, dass der Angeklagte Dylewski einen Häftling namens Pisenczykiewicz mehrfach vernommen und dabei so geschlagen habe, dass dieser Häftling dabei gestorben sei. Pisenczykiewicz sei - so hat der Zeuge Joa. bekundet - in Block 15 untergebracht gewesen. Im Jahre 1941 oder 1942 habe Dylewski diesen Häftling im Verlaufe von 2-3 Tagen mehrfach aus dem Block abgeholt und zu der Politischen Abteilung geführt. Wenn Pisenczykiewicz von den Verhören zurückgekommen sei, habe er - der Zeuge - gesehen, dass der Kopf des Häftlings so geschwollen gewesen sei, dass er wie ein "Ballon" ausgesehen habe. Nach einer dieser Vernehmungen habe ihm Pisenczykiewicz gesagt, dass ihn Dylewski verhört habe, und dass man ihm irgendwelche Verbindungen mit militärischen Formationen vorwerfe. Dylewski habe ihn während der Vernehmung auf so schreckliche Weise gefoltert.

Der Zeuge Joa. hat dann weiter erklärt, dass Pisenczykiewicz nach einem der Verhöre gestorben sei, und zwar etwa eine Stunde nach der Vernehmung.

 

Auch hier bestehen Bedenken, ob die Angaben des Zeugen der Wahrheit entsprechen. Dem Häftling Pisenczykiewicz soll die Verbindung zu einer militärischen Organisation zur Last gelegt worden sein. Dann erscheint es unwahrscheinlich, dass man Pisenczykiewicz nach einem Verhör wieder zu Block 15 zurückgeführt und freigelassen habe. In der Regel wurden Häftlinge - nach den in der Beweisaufnahme getroffenen Feststellungen - jeweils in den Arrestbunker des Blockes 11 eingeliefert, wenn sie in den Verdacht gerieten, Mitglieder einer militärischen Untergrundorganisation oder Widerstandsgruppe zu sein. Von Block 11 wurden sie dann zu den Vernehmungen in die Vernehmungsbaracke der Politischen Abteilung geführt. Damit wollte man verhindern, dass die