Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.798

Später hat der Zeuge jedoch seine Aussage auf die Frage der Staatsanwaltschaft, von welcher Stelle aus er so genau die Erschiessungen habe beobachten können, eingeschränkt. Er hat erklärt, dass er auf dem Block 15 A untergebracht gewesen sei. Die Erschiessungen habe er aus dem Fenster des Blockes Nr.15 A gesehen, hat jedoch hinzugefügt, dass er "natürlich" die Aktion nicht habe sehen können, er habe aber die Schüsse gehört und habe gesehen, wie die sowjetischen Kriegsgefangenen gebracht worden seien und von Dylewski und St., welche Karabiner mitgebracht hätten, hineingeführt worden seien.

 

Von Block 15 kann der Zeuge aber kaum die Schüsse gehört haben. Denn in der Regel wurden die Erschiessungen mit einem Kleinkalibergewehr, auf das ein Schalldämpfer aufgesetzt wurde, durchgeführt. Die Behauptung des Zeugen, er habe die Schüsse gehört, erscheint daher ebenso unglaubhaft wie seine ursprüngliche Behauptung, er habe die Erschiessungen aus einer Entfernung von ca. 20 m selbst mit angesehen. Der Block 15 war nach dem Lagerplan erheblich mehr als 20 m von Block 11 entfernt. Block 15 stand in der zweiten Blockreihe vom Lagereingang aus gesehen, während Block 11 in der dritten (letzten) Reihe stand. Zwischen Block 15 und Block 11 befanden sich noch mehrere andere Blocks. Die Lagerstrasse, auf der wahrscheinlich die Kriegsgefangenen von dem Lagertor zu dem Block 11 in dem Sanka gefahren worden sind, führte nicht unmittelbar an Block 15 vorbei. Zwischen Block 15 und der Lagerstrasse, die vom Lagertor zu der hintersten Blockreihe führte, befand sich noch der Block 16. Es erscheint daher fraglich, ob der Zeuge überhaupt hat beobachten können, wie die Kriegsgefangenen zu Block 11 gefahren worden sind. Ausgeschlossen erscheint es, dass der Zeuge das Aussteigen der Kriegsgefangenen vor dem Block 11 von Block 15 aus hat beobachten können. Die Sicht zu Block 11 aus den Seitenfenstern des Blockes 15 war durch andere Blocks verdeckt. Eine Sichtmöglichkeit aus einem der Fenster an der Giebelseite des Blockes 15 zu Block 11 hin könnte allenfalls bestanden haben, wenn sich der Zeuge ganz weit aus einem dieser Fenster hinausgebeugt hätte. Das erscheint jedoch unwahrscheinlich. Denn vor Erschiessungen wurde in der Regel Blocksperre angeordnet. Die Häftlinge durften die Blocks nicht verlassen und auch nicht aus den Fenstern der Blöcke herausschauen. Die SS-Männer achteten darauf, dass sich kein Häftling an den Fenstern zeigte. Es erscheint daher völlig unwahrscheinlich, dass sich der Zeuge aus einem der Fenster hinausgebeugt haben soll.

Bei der Art wie der Zeuge seine Aussage gemacht hat, dass er nämlich zunächst die Erschiessungen selbst angesehen haben will, was er später zurücknehmen musste, erscheint es nicht ausgeschlossen, dass der Zeuge nur von anderen Häftlingen etwas über die Erschiessung der russischen Kriegsgefangenen und die daran beteiligten SS-Männer gehört hat und dass er das, was er gehört hat, nun als eigene Beobachtungen wiedergibt.

 

Das Gericht konnte daher auf Grund seiner Aussage keine sicheren Feststellungen zum Nachteil des Angeklagten Dylewski treffen.

Der Angeklagte Dylewski musste daher von dem Vorwurf, an der Erschiessung russischer Kriegsgefangener beteiligt gewesen zu sein, mangels Beweises freigesprochen werden.

 

2.

 

Dem Angeklagten Dylewski wird schliesslich in Ziffer 5 des Eröffnungsbeschlusses zur Last gelegt, er habe die Häftlinge Sojecki und Pisenczykiewicz bei einem Verhör so schwer misshandelt, dass sie daran gestorben seien.

Zu diesen Schuldvorwürfen hat ebenfalls nur der Zeuge Joa. Bekundungen gemacht.

Er hat erklärt, Sojecki sei eines Tages im Frühjahr 1942 oder Ende 1941 von Dylewski aus dem Block 11 und zwar aus der Strafkompanie geholt und zur Politischen Abteilung gebracht worden. Sojecki sei sehr lange bei dieser Vernehmung geblieben und sei dort sehr geschlagen worden. Mithäftlinge hätten ihn dann wieder auf Block 11 zurückgebracht. Später sei er erneut von Dylewski vernommen worden. Nach dieser Vernehmung sei Sojecki nicht mehr auf Block 11 zurückgekommen. Jede Spur sei von ihm verschwunden. In der SK habe man gemeldet, dass Sojecki gestorben sei.