Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.797

soll, zumal mehrere SS-Männer während der Nacht in die Stube, in der sich der Zeuge befand, gekommen sind und alle Kriegsgefangenen in Angst schwebten, zur Erschiessung abgeholt zu werden. Möglich ist allerdings, dass sich der Zeuge Mi. im Jahr geirrt oder versprochen hat und dass seine Überprüfung bereits im Oktober 1941 gewesen ist. Das muss sogar angenommen werden, da logischerweise die Überprüfung der Kriegsgefangenen vor ihrer Einweisung in das Kommando "Au" gewesen sein muss. Aber auch wenn der Zeuge Mi. bereits im Oktober 1941 überprüft und in der Politischen Abteilung vernommen worden ist, erscheint es nicht sicher, dass er bei seiner Überprüfung erfahren hat, dass der Vernehmende der Angeklagte Dylewski sei. Die Angehörigen der Politischen Abteilung haben sich den Angeklagten, die sie vernommen bzw. überprüft haben, nicht vorgestellt. Möglicherweise ist dem Zeugen durch einen anderen Häftling der vernehmende SS-Angehörige irrtümlich als der Angeklagte Dylewski bezeichnet worden. Nicht sicher erscheint es auch, dass die russischen Kriegsgefangenen überhaupt von den Angehörigen der Politischen Abteilung vernommen worden sind. Für die Überprüfung der Kriegsgefangenen waren besondere Einsatzkommandos gebildet worden. Es ist daher eher anzunehmen, dass sie von Angehörigen eines solchen Einsatzkommandos überprüft worden sind. Wahrscheinlich nimmt der Zeuge heute - nach über 20 Jahren - aus nicht näher zu erforschenden Gründen irrig an, dass ihn der Angeklagte Dylewski überprüft habe.

 

Nicht sicher erscheint es auch, dass der Zeuge, selbst wenn er den Angeklagten Dylewski bereits im November 1941 gekannt haben sollte, während der Nacht in der Stube den Angeklagten Dylewski unter mehreren SS-Angehörigen einwandfrei hat identifizieren können, zumal der Zeuge nichts Auffälliges über den Angeklagten Dylewski hat berichten können und er selbst mit grosser Wahrscheinlichkeit in Angst geschwebt hat, selbst zur Erschiessung gebracht zu werden. Schliesslich kann der Zeuge auch nicht wissen, ob der Angeklagte Dylewski anschliessend, sofern die aufgerufenen Kriegsgefangenen sofort danach erschossen worden sein sollten, was der Zeuge ebenfalls nicht wissen kann, an den Erschiessungen teilgenommen hat.

Wegen der aufgezeigten Unsicherheiten konnte das Gericht auf Grund der Aussage des Zeugen Mi. nicht die sichere Überzeugung gewinnen, dass der Angeklagte Dylewski an der Erschiessung russischer Kriegsgefangener beteiligt war, wenn hierfür auch ein erheblicher Verdacht bestehen mag.

 

Ferner hat der Zeuge Joa. behauptet, dass die Angeklagten St. und Dylewski russische Kriegsgefangene, die mit Sankas zum Block 11 gebracht worden seien, erschossen hätten.

Der Zeuge konnte in der Hauptverhandlung nicht vernommen werden. Seine Vernehmung erfolgte am 26.4.1965 durch das Kreisgericht in Krakau. Das Protokoll über diese Vernehmung wurde in der Hauptverhandlung verlesen. Das Gericht war somit nicht in der Lage, sich einen persönlichen Eindruck von dem Zeugen und seiner Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Gegen seine Glaubwürdigkeit bestehen Bedenken.

 

Der Zeuge hat zunächst die Erschiessung der russischen Kriegsgefangenen so dargestellt, als ob er sie selbst mit angesehen habe. Wörtlich hat er folgendes geschildert:

"Im Frühjahr 1942, als ich auf dem Block Nr.15 A war, sah ich einige Male im Verlauf einer bestimmten Zeitspanne mehrere Male an einem Tag die Sankas zum Block 11 kommen, und ich sah, dass oft bis 15 Personen, die mit russischen Militärmänteln bekleidet waren, ausgestiegen sind und man danach diese Personen auf den Block, genauer gesagt auf den Hof des Blockes Nr.11 führte. Gleich danach hörte ich die Erschiessungen von diesen Personen und sah dann, dass andere Häftlinge die Körper dieser erschossenen Personen mit einem Wagen fortbrachten. Ich sah aus geringer Entfernung, etwa von ca. 20 m, dass an jeder solchen Exekutionen Dylewski und St. persönlich teilgenommen haben ..."

Nach dieser Aussage muss man annehmen, dass der Zeuge persönlich aus einer Entfernung von ca. 20 m gesehen haben will, wie die Angeklagten Dylewski und St. die russischen Kriegsgefangenen erschossen haben.