Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.795

dass hierbei zwei Häftlinge den Tod gefunden hätten.

Er soll ferner im Anschluss an diesen Vorfall, nachdem er die drei Zivilisten im Block 11 abgeliefert gehabt habe, mit einem SS-Unterführer der Strafkompanie wieder zu der Baustelle zurückgekehrt sein und zusammen mit diesem die Angehörigen der Strafkompanie sog. "Sport" haben machen lassen; dabei hätten die Häftlinge in die halb mit Wasser gefüllte Baugrube hineinspringen müssen und ein besonders starker Häftling namens Isaak soll auf Befehl St's mehrere Häftlinge so lange unter Wasser gedrückt haben, bis diese Häftlinge tot gewesen seien. Als Isaak schliesslich auf diese Weise auch noch seinen eigenen Vater hätte ertränken müssen, sei er wahnsinnig geworden, woraufhin der Angeklagte St. den Häftling Isaak mit seiner Pistole erschossen haben soll. Insgesamt sollen hierbei 20 Häftlinge gestorben sein.

Der Angeklagte St. bestreitet entschieden, an einem solchen Vorfall beteiligt gewesen zu sein.

 

Zu dem Schuldvorwurf hat nur der Zeuge Krx. Bekundungen gemacht. Er hat folgendes geschildert: Im Sommer 1941 hätte die SK beim Block 15 Ausschachtungsarbeiten gemacht. Er - der Zeuge - habe damals als Maurer gearbeitet. Er habe die Ecke des Blockes 4 mauern müssen. Eines Tages habe der Angeklagte St. 3 Zivilisten in Richtung des Blockes 11 geführt. Auf dem Wege zu Block 11 sei er an der von den Häftlingen der SK ausgehobenen Grube vorbeigekommen. Die Grube sei etwa 4 m tief und mit Wasser gefüllt gewesen. Die Tiefe des Wassers habe 1 1/2 bis 2 m betragen. St. habe die Häftlinge der SK in das Wasser hineingetrieben. Den Grund hierfür wisse er - der Zeuge - nicht. Wahrscheinlich hätten die Häftlinge der SK den drei Zivilisten nachgeschaut. Die Häftlinge der SK hätten einer über den anderen in die Grube hineinspringen müssen. Dabei seien zwei Häftlinge im Wasser ertrunken. St. sei dann mit den drei Zivilisten zu Block 11 gegangen. Nach deren Ablieferung sei er in Begleitung des Oberscharführers Engelschall zurückgekommen. Beide hätten nun die Häftlinge der SK "Sport machen" lassen. Die Häftlinge hätten von oben in das Wasser hineinspringen und darin herumschwimmen müssen. Anschliessend hätten sie wieder heraussteigen müssen. Das sei längere Zeit so gegangen. Nachdem die Häftlinge der SK durch das Hineinspringen in das Wasser und das Herauskommen aus dem Wasser ermüdet gewesen seien, habe man einem Juden namens Isaak befohlen, die Häftlinge im Wasser zu ertränken. Der Jude sei ein sehr starker Mensch gewesen. Er habe etwa 20 Häftlinge ertränkt. Schliesslich habe man dem Isaak befohlen, seinen eigenen Vater zu ertränken. Während Isaak seinen Vater ertränkt habe, sei er wahnsinnig geworden und habe angefangen zu schreien. Daraufhin habe St. den Isaak erschossen. Er - der Zeuge - habe das aus einer Entfernung von 20 m beobachtet.

 

Das Gericht konnte auf Grund dieser Aussage des Zeugen Krx. nicht die sichere Überzeugung gewinnen, dass sich der von ihm geschilderte Vorfall tatsächlich abgespielt hat und dass, falls er sich tatsächlich so abgespielt haben sollte, wie es der Zeuge Krx. geschildert hat, der Angeklagte St. daran beteiligt gewesen ist.

 

Gegen die Glaubwürdigkeit des Zeugen Krx. bestehen Bedenken. Hierzu kann auf die Ausführungen im 3. Abschnitt unter E.IV.2. Bezug genommen werden.

In diesem Fall ist auffällig, dass der Zeuge Krx. bei seiner Anhörung durch den Zeugen Sm. von diesem grauenhaften Vorfall nichts erzählt hat. Es erscheint unwahrscheinlich, dass er ein Ereignis, bei dem der Sohn seinen eigenen Vater hat ertränken müssen, vergessen haben kann. Wenn der Zeuge tatsächlich Augenzeuge des geschilderten Vorfalls gewesen ist, muss es sich um eines seiner schwersten Erlebnisse gehandelt haben, so dass es kaum verständlich erscheint, dass er dem Zeugen Sm. nichts davon erzählt hat, als dieser ihn über seine Erlebnisse im KL Auschwitz ausfragte.

Weitere Bedenken bestehen deshalb, weil damals - wie oben unter E.IV.2. bereits erwähnt - zwischen den polnischen Häftlingen und einer Gruppe ukrainischer Häftlinge zu denen die Gebrüder Bandera gehörten, starke Spannungen bestanden. Der Zeuge Krx. wurde damals, wie er gegenüber dem Zeugen F. bereits im Lager geäussert hat, für den Tod der Gebrüder Bandera verantwortlich gemacht. Er wurde deswegen festgenommen und in den Arrestbunker eingeliefert. Der Angeklagte St. war damals der Betreuer der ukrainischen Häftlinge. Er sorgte dafür, dass sie besser untergebracht wurden