Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.791

Der Zeuge Piw. will ebenfalls den Angeklagten Boger beim Abtransport der Zigeuner zu den Gaskammern gesehen haben. Aber auch dieser Zeuge ist unglaubwürdig. Der Zeuge will den Abtransport der Zigeuner an einem Nachmittag beobachtet haben. Es sei - so hat er behauptet - bereits gegen Ende der Räumung des Zigeunerlagers gewesen. Seine Beobachtungen habe er in einem Gebüsch versteckt von dem Lagerabschnitt B II f (Krankenlager) aus gemacht. Boger hat mit anderen SS-Männern die Blöcke durchsucht. Die SS-Männer hätten aus den Blöcken Kinder herausgezogen. Sie hätten die Kinder hinter sich hergeschleift und zu dem Angeklagten Boger gebracht. Dieser hätte nach den Kindern getreten und sie dann an den Füssen gepackt und an die Wand geworfen. So sei es mit 6 Kindern geschehen. Ihm - dem Zeugen - sei es dann schlecht geworden und er sei weggelaufen. "Das ist die reine Wahrheit!" hat der Zeuge noch zur Bekräftigung seiner Angaben hinzugefügt. Er habe alles mit eigenen Augen gesehen, hat der Zeuge mit aller Bestimmtheit erklärt und seine Aussage mit dem Eid bekräftigt. Gleichwohl hat das Schwurgericht dem Zeugen nicht geglaubt. Er hat einen wenig glaubwürdigen Eindruck gemacht. Der Zeuge hat wahrscheinlich auf Grund von damaligen Lagergerüchten seine Angaben erfunden.

Die zuverlässigen Zeugen Dr. Bej., Am. und Berg. haben übereinstimmend bekundet, dass der Abtransport der Zigeuner in der Nacht vom 31.7./1.8.1944 stattgefunden habe und dass die Aktion gegen Morgen beendet gewesen sei. Die Zeugen Bej. und Am., die beide selbst im Zigeunerlager untergebracht waren, haben nichts davon bemerkt, dass sich Kinder versteckt und dem Abtransport entzogen hätten. Der Zeuge Bej., der sich als Häftlingsarzt auch noch am nächsten Tag im Zigeunerlager befunden hat, hätte es bemerken müssen, wenn der Angeklagte Boger mit anderen SS-Männern des nächsten Tages noch einmal die Blocks durchsucht und die Kinder an die Wand geworfen hätte. Der Zeuge Am. hat allerdings - so hat er angegeben - später von Sanitätern gehört, dass sich 4-5 Kinder in den Kaminen von Öfen versteckt haben sollen. Ob das stimmt, weiss der Zeuge nicht. Nach den Erzählungen der Sanitäter soll man die Kinder nach ihrer Entdeckung jedoch zu den Krematorien (Gaskammern) gebracht haben. Davon, dass der Angeklagte Boger Kinder an die Wand geworfen hätte, hat der Zeuge nichts gehört. Auch sonst hat kein Zeuge davon etwas gesehen oder gehört. Keiner der obenangeführten Zeugen hat auch bestätigt, dass während des Abtransportes der Zigeuner 50-100 Personen totgeschlagen worden seien.

Es erscheint auch unwahrscheinlich, dass der Zeuge sich in einem "Gebüsch" versteckt haben kann. In den Lagerabschnitten des Lagers Birkenau ist kein Gebüsch gewesen, in dem sich erwachsene Häftlinge hätten verstecken können. Bei seiner früheren Vernehmung im Ermittlungsverfahren hat der Zeuge Piw. auch nichts davon erwähnt, dass er sich in einem Gebüsch versteckt hätte. Er hat vielmehr damals erklärt, er habe sich in einem "Graben" versteckt. Auch diese widersprüchlichen Angaben lassen erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Zeugen aufkommen. Seine Aussage hat das Gericht daher insgesamt nicht verwertet.

 

Schliesslich will noch der Zeuge Pol. den Angeklagten Boger am 31.7.1944 vor dem Zigeunerlager gesehen haben. Der Zeuge hat bekundet, dass er ebenfalls im Zigeunerlager und zwar in Block 4 untergebracht gewesen sei. Am Abend des 31.7.1944 sei - so hat der Zeuge weiter ausgesagt - Blocksperre angeordnet worden. Er habe daraufhin Angst bekommen. Trotzdem habe er die Tür des Blockes ca. 20 cm breit geöffnet und kurz durch die Öffnung hindurchgeschaut. Dann habe er die Tür gleich wieder zugemacht. Bei dieser kurzen Beobachtung will der Zeuge gesehen haben, wie sich die SS-Männer vor dem Lager in Höhe der Blockführerstube versammelt hätten. Unter ihnen will der Zeuge den Angeklagten Boger erkannt haben.

Das Schwurgericht konnte jedoch auf Grund dieser Aussage nicht die sichere Überzeugung gewinnen, dass der Zeuge Pol. den Angeklagten Boger irrtumsfrei unter mehreren SS-Angehörigen erkannt hat. Der Zeuge hat nur ganz kurz beobachtet. Seine Beobachtungsmöglichkeit kann nur sehr beschränkt gewesen sein, da er die Tür nur 20 cm geöffnet hat. Die Entfernung von seinem Block (Nr.4) bis zur Blockführerstube, die ausserhalb des Lagerabschnittes lag, betrug nach dem in Augenschein genommenen Lageplan mehr als 100 m. Zieht man noch in Betracht, dass der Zeuge selbst in Angst war und dass die Sichtverhältnisse möglicherweise trotz der Beleuchtung der Lagerstrasse nicht einwandfrei waren, so kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Zeuge