Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.789

freigesprochen werden.

 

9.

 

Dem Angeklagten Boger wird unter Ziffer 24 des Eröffnungsbeschlusses zur Last gelegt, im Sommer 1944 bei der Vernichtung des Zigeunerlagers mitgewirkt zu haben.

Die sog. "Liquidierung" des Zigeunerlagers im Jahre 1944 ist oben bereits erwähnt worden. Im einzelnen hat das Schwurgericht auf Grund der Aussage des Zeugen Lei., Bej., Berg., Am., Barc. und Pol. folgendes festgestellt:

Im Juli 1944 wurde die Tötung der im sog. Zigeunerlager in Birkenau (Lagerabschnitt B II e) befindlichen Zigeuner, die dort familienweise untergebracht waren und keine Häftlingskleidung trugen, angeordnet. Zuvor sollten noch kräftige arbeitsfähige Zigeuner und solche, die in der Wehrmacht gedient hatten, ausgesondert werden. Das geschah auch. Die Ausgewählten kamen einige Tage vor dem 31.7.1944 in das Stammlager, von wo sie später in andere Konzentrationslager verlegt wurden.

Am Abend des 31.7.1944 kamen zwischen 20 und 21.00 Uhr LKWs in das Zigeunerlager gefahren. Die Sonne war längst untergegangen. Es war dämmerig bis fast dunkel. Die Lagerstrasse im Zigeunerlager war zunächst beleuchtet. Mit den LKWs kamen SS-Führer, SS-Unterführer und SS-Männer in das Zigeunerlager herein. Die LKWs fuhren zunächst zu dem sog. Kinderblock, der auch Waisenblock genannt wurde, weil in ihm elternlose Kinder untergebracht waren. Die Waisen wurden als erste von den SS-Männern, die angeheitert und angetrunken waren, auf die LKWs gebracht. Nachdem der Kinderblock leer war, musste der Zeuge Bej., der als Häftlingsarzt im Zigeunerlager tätig war, auf Befehl eines SS-Mannes das Licht, das die Lagerstrasse beleuchtete, ausmachen. Die Lagerstrasse lag nun im Dunkeln. Danach wurden alle Blocks nacheinander von den SS-Angehörigen "geräumt". Die Zigeuner wurden auf die Lastwagen getrieben. Dabei spielten sich furchtbare Szenen ab. Die Zigeuner, die ahnten, dass sie getötet werden sollten, wehrten sich, schrien und flehten um ihr Leben. Ihre Verladung auf die LKWs dauerte mehrere Stunden, da die LKWs nicht alle Menschen auf einmal fassen konnten, sondern zwischen dem Lager zu den Gaskammern hin- und herpendelten, um die Zigeuner nach und nach zu den Gaskammern zu bringen. Gegen Morgen war das Zigeunerlager geräumt. Alle Zigeuner, die noch in dem Zigeunerlager gewesen waren, wurden in den Gaskammern in Birkenau durch Zyklon B getötet.

 

Der Angeklagte Boger, der nach dem Eröffnungsbeschluss bei dieser Aktion dabeigewesen sein soll, bestreitet, an der Aktion teilgenommen zu haben. Es besteht zwar ein erheblicher Verdacht, dass er als Angehöriger der Politischen Abteilung massgeblich an der "Liquidierung" des Zigeunerlagers mitgewirkt hat. Sichere Feststellungen konnten jedoch insoweit nicht getroffen werden.

 

Der Zeuge Bej. hat die Aktion von Anfang bis Ende miterlebt. Er kannte die Verhältnisse im Zigeunerlager genau. Auch waren ihm aus seiner ärztlichen Tätigkeit eine Reihe von SS-Angehörigen bekannt. Der zuverlässige Zeuge hat erklärt, dass er bei der Vernichtungsaktion nur den SS-Arzt Dr. Mengele deutlich gesehen habe, andere SS-Männer habe er dagegen nicht erkannt. Der Zeuge konnte daher keinen Aufschluss darüber geben, ob der Angeklagte Boger an der Aktion teilgenommen hat.

Der Zeuge Berg., der ebenfalls einen glaubwürdigen und zuverlässigen Eindruck gemacht hat, war damals 14 Jahre alt. Er befand sich während der Räumung des Zigeunerlagers in dem Lagerabschnitt B II d, also in dem Abschnitt, der unmittelbar an das Zigeunerlager angrenzte. Der Zeuge hat erklärt, dass es Nacht gewesen sei und dass sie - die Häftlinge im Lagerabschnitt B II d - aus diesem Lagerabschnitt die Vorgänge im Zigeunerlager nicht hätten sehen können. Über die "Liquidierung" des Zigeunerlagers sei viel gesprochen worden und er habe viel davon gehört. Aber er wolle darüber nicht sprechen, weil er es nicht selbst gesehen habe.

Der Zeuge Am. befand sich in der Nacht zum 31.7. und 1.8.1944 in der Desinfektionsbaracke des Zigeunerlagers. Es war - so hat der Zeuge angegeben - die letzte Baracke des Lagers vom Lagereingang aus gesehen. Der Zeuge hat bekundet, dass 4 SS-Männer mit "Maschinengewehren" (wahrscheinlich hat es sich um Maschinenpistolen gehandelt) sich vor ihrer Baracke postiert und die Baracke abgesperrt hätten. Das ganze Lager