Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.787

dem Zeugen Ol. hat kein Zeuge zu diesem Anklagepunkt Bekundungen gemacht. Wie der Zeuge Ol. in der Hauptverhandlung die Erschiessung der Angehörigen des Kommandos "Union" geschildert hat, ist oben unter I.2a. bereits dargestellt worden. Dort ist ausgeführt worden, dass der Zeuge Ol. kein zuverlässiger Zeuge ist. Seine Aussage ist unglaubhaft. Hierzu kann auf die oben unter I.2a. (in diesem Abschnitt) gemachten Ausführungen Bezug genommen werden. Auf Grund der Aussage des Zeugen Ol. konnten daher keine sicheren Feststellungen zum Nachteil des Angeklagten Boger getroffen werden.

 

Der Angeklagte Boger war daher von dem Schuldvorwurf unter Ziff.20 des Eröffnungsbeschlusses mangels Beweises freizusprechen.

 

8.

 

Dem Angeklagten Boger wird unter Ziffer 23 des Eröffnungsbeschlusses zur Last gelegt, am 30.12.1944 bei der Erhängung der Häftlinge Bernhard Swierczy, Ludwig Wesely, Ernst Bürger, Rudi Friemel und Peter Puta 166 mitgewirkt zu haben.

Hierzu hat das Schwurgericht auf Grund der Aussagen der Zeugen Sm., Law. und der Zeugin Maj. folgendes festgestellt:

Im Jahre 1944 flüchteten 6-8 Häftlinge aus dem Lager. 5 der Geflüchteten wurden einige Zeit später wieder ergriffen. Es waren die 3 Österreicher Bürger, Friemel und Wesely und die 2 Polen Swierczy und Pionte 167. Sie wurden zunächst in dem Arrestbunker inhaftiert. Dann wurden wegen ihrer Flucht Ermittlungen durch die Politische Abteilung durchgeführt. Die geflüchteten und wieder ergriffenen Häftlinge wurden vernommen. Die Ermittlungen dauerten einige Zeit. Wie lange sie gedauert haben, konnte nicht geklärt werden.

Am 30.12.1944 wurden die 3 Österreicher und die 2 Polen öffentlich im Lager A I vor der Küche in Anwesenheit von SS-Führern, SS-Unterführern und SS-Männern sowie vor den angetretenen Häftlingen des Lagers erhängt. Vor ihrer Erhängung wurde durch einen SS-Angehörigen ein Schriftstück verlesen. Ob es sich hierbei um ein Urteil oder einen Exekutionsbefehl gehandelt hat, konnte nicht geklärt werden.

Der Angeklagte Boger war während der Erhängung der 5 Häftlinge anwesend. Es konnte nicht festgestellt werden, dass er eine bestimmte Funktion ausgeübt hat. Der Zeuge Ol. hat zwar behauptet, die Angeklagten Boger und Kaduk hätten sich wie wahnsinnig gebärdet, weil die Häftlinge vor ihrer Erhängung noch Ausrufe wie "weg mit der braunen Mordbande", "es lebe die Rote Armee", "es lebe der Kommunismus!" gemacht hätten. Beide (Boger und Kaduk) hätten sich auf die hängenden Häftlinge geworfen, hätten ihnen Ohrfeigen gegeben und sie unmittelbar nach der Erhängung an den Füssen nach unten gezogen. Der Zeuge Law., der die Erhängung ebenfalls mitansehen musste, hat demgegenüber ausgesagt, dass er nicht behaupten könne, dass Boger bei dieser Erhängung in irgend einer Weise aktiv gewesen sei.

 

Der Zeuge Ol. ist unglaubwürdig. Er neigt zu Übertreibungen und der Tendenz, die in diesem Verfahren angeklagten SS-Angehörigen unter allen Umständen zu belasten. Das zeigt seine Schilderung über die Erhängung der 12 Landmesser, bei der die Angeklagten Boger und Kaduk den Häftlingen nach der Aussage des Zeugen Ol. die Schlinge über den Hals gezogen haben sollen, während der zuverlässige Zeuge P. bekundet hat, ein Kapo hätte den Delinquenten die Schlinge um den Hals gelegt. Im übrigen kann wegen der Glaubwürdigkeit des Zeugen Ol. auf die Ausführungen unter I.2a. (in diesem Abschnitt) verwiesen werden.

Die Zeugin Maj., die als Häftlingsschreiberin in der Politischen Abteilung beschäftigt war, hat in der Hauptverhandlung behauptet, der Angeklagte Boger sei für die Erhängung der geflüchteten Häftlinge verantwortlich. Er habe sie "zum Erhängen verurteilt". Die Zeugin konnte für die Behauptung jedoch keine überzeugende Begründung geben. Sie musste auf Vorhalt aus ihrer früheren Vernehmung im Ermittlungsverfahren einräumen, dass sie früher angegeben habe, sie wisse nicht, ob Boger die Entscheidung gefällt habe.

Es erscheint auch unwahrscheinlich, dass der Angeklagte Boger eine öffentliche Erhängung hätte anordnen können. Dagegen spricht, dass nach der Aussage des Zeugen Law.

166 Sic!

167 Sic!