Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.786

6.

 

Dem Angeklagten wird unter Ziffer 16 des Eröffnungsbeschlusses zur Last gelegt, Ende des Jahres 1943 oder Anfang 1944 einen jungen polnischen Häftling, dem ein SS-Angehöriger befohlen hatte, in einem Kochgeschirr Wasser zu holen, an der Wasserstelle erschossen zu haben.

Hierzu hat nur der Zeuge Krona. folgende Aussage gemacht: Im Jahre 1944 hätten die Häftlinge eines Morgens wegen Nebels lange stehen müssen. Denn bei Nebel seien die Arbeitskommandos wegen Fluchtgefahr nicht ausgerückt. Als sich der Nebel gelichtet habe, sei schliesslich der Befehl zum Ausrücken gekommen. Die Arbeitskommandos seien dann aus dem Lager abmarschiert. Kurz danach sei jedoch erneut Nebel aufgekommen. Sie - die Häftlinge - hätten dann erneut mit ca. 1000 Mann stehen bleiben müssen. Ein SS-Mann habe während des Wartens einen Judenjungen im Alter von 14-15 Jahren, den er zu seiner Bedienung bei sich gehabt habe, mit einem Kochgeschirr zu einer 50 m entfernten Wasserstelle geschickt. Als der Judenjunge mit dem Kochgeschirr zu der Wasserstelle gegangen sei, habe es plötzlich "geknallt". Der Junge habe dann tot mit einer Schusswunde im Rücken an der Wasserstelle gelegen. Boger habe mit rauchender Pistole in einer Entfernung von ca. 10 m von dem Jungen entfernt gestanden. Er - der Zeuge Krona. - habe das selbst gesehen. Wer geschossen habe, das habe er nicht gesehen. Die SS-Posten hätten mit ihren Gewehren auf dem Rücken herumgestanden. Boger sei der einzige gewesen, der mit der Pistole in der Hand dagestanden habe. Er müsse daher den Judenjungen erschossen haben. Er - der Zeuge - sei ca. 50 m von der Wasserstelle entfernt gewesen.

Der Angeklagte Boger hat in Abrede gestellt, an einem solchen Vorfall beteiligt gewesen zu sein.

 

Auch bei dieser Aussage des Zeugen Krona. konnte nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, dass sich der Zeuge in der Person des SS-Angehörigen, der mit rauchender Pistole in der Nähe der Wasserstelle gestanden hat, geirrt hat. Der Zeuge Krona. ist nicht zuverlässig. Unter 3c. ist bereits ausgeführt worden, dass der Zeuge Ereignisse mit dem Angeklagten Boger in Verbindung gebracht hat, die geschehen sind, als der Angeklagte Boger noch gar nicht im KL Auschwitz war. Es ist daher möglich, dass er auch die Erschiessung des Judenjungen zu Unrecht auf den Angeklagten Boger projiziert hat. Bedenken bestehen auch deswegen, weil der Angeklagte Boger als Angehöriger der Politischen Abteilung mit dem Ausrücken der Häftlingsarbeitskommandos an sich nichts zu tun hatte. Das Ausrücken der Arbeitskommandos wurde von den Angehörigen der Schutzhaftlagerführung (Schutzhaftlagerführer, Rapportführer, Blockführer), den Arbeitsdienstführern und Kommandoführern überwacht. Der Zeuge will Boger aus einer Entfernung von ca. 40 m gesehen haben. Denn nach seiner Aussage war er selbst ca. 50 m von der Wasserstelle entfernt, während Boger ca. 10 m von dem an der Wasserstelle liegenden Häftling entfernt gestanden haben soll. Zieht man in Betracht, dass so starker Nebel geherrscht hat, dass die Häftlinge nicht weitergehen durften, so erscheint es kaum möglich, dass der Zeuge den SS-Mann mit der rauchenden Pistole einwandfrei hat erkennen können. Unmöglich erscheint es auch, dass der Zeuge die Schusswunde im Rücken des Häftlings hat sehen können. Auf Grund der Aussage des Zeugen Krona., die von keinem anderen Zeugen bestätigt worden ist, konnte daher nicht mit Sicherheit festgestellt werden, dass der Angeklagte Boger tatsächlich im Jahre 1944 einen Judenjungen an einer Wasserstelle erschossen hat.

 

Der Angeklagte Boger war daher von dem Schuldvorwurf unter Ziff.16 des Eröffnungsbeschlusses mangels Beweises freizusprechen.

 

7.

 

Dem Angeklagten Boger wird unter Ziffer 20 des Eröffnungsbeschlusses zur Last gelegt, etwa Mitte des Jahres 1944 46 Häftlinge aus dem Kommando "Union", die infolge körperlicher Erschöpfung nicht mehr arbeitsfähig gewesen seien, im Block 11 mit der Pistole erschossen zu haben.

Auch in diesem Anklagepunkt konnte der Angeklagte Boger nicht überführt werden. Ausser