Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.784

der Zeuge bei seiner ersten polizeilichen Vernehmung im Ermittlungsverfahren am 9.12.1958 behauptet hat, der Angeklagte Boger habe bei der Räumung des Theresienstädter Lagers zwei Frauen erschossen. Er hat damals, was ihm in der Hauptverhandlung vorgehalten und bestätigt worden ist, unter anderem wörtlich erklärt:

"So ist mir bekannt und ich habe gesehen, dass Boger zwei Frauen eigenhändig erschossen hat. Diese Frauen waren im sog. Lager B untergebracht, das als das Theresienstädter Lager bekannt war. Ich sah, dass Boger die eben erwähnten zwei Frauen erschoss ... Die zweite Frau hiess Novotny. Sie war aus Prag und Journalistin."

 

Zwischen beiden Aussagen besteht also ein erheblicher Unterschied. Nach der ersten Aussage am 9.12.1958 soll Boger zwei Frauen und zwar im Theresienstädter Lager erschossen haben, während nach der Aussage des Zeugen in der Hauptverhandlung Boger nur eine Frau und zwar im Quarantänelager erschossen haben soll. Ein Irrtum über die Örtlichkeit des Geschehens erscheint allerdings nicht so schwerwiegend. Er kann auch einem sonst zuverlässigen Zeugen unterlaufen. Kaum erklärlich erscheint es jedoch, dass ein Zeuge, der tatsächlich die Erschiessung einer einzigen Person mit angesehen hat und über ein zuverlässiges Gedächtnis verfügt, später zu der Überzeugung kommen kann, er habe die Erschiessung von zwei Personen miterlebt. Das Schwurgericht hat daher Bedenken, ob der Zeuge ein zuverlässiges Erinnerungsvermögen hat, dass er nach 14-20 Jahren noch genau unterscheiden kann zwischen dem, was er selbst erlebt hat und dem, was ihm von anderen Personen früher einmal erzählt worden ist. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Zeuge damals im Lager aus Erzählungen anderer Häftlinge oder aus Lagergerüchten von der Erschiessung der Frau Novotny gehört hat und dies nun als eigenes Erleben wiedergibt, wobei unklar bleibt, ob ihm bereits damals der Angeklagte Boger als der Täter genannt worden ist oder ob er selbst nachträglich guten Glaubens die Erschiessung der Frau Novotny auf den Angeklagten Boger projiziert.

 

Der Zeuge hat allerdings seine ursprüngliche Aussage bereits bei einer zweiten Vernehmung im Ermittlungsverfahren am 21.4.1959 dahin geändert, dass er nur eine Tötung durch den Angeklagten Boger gesehen habe. Wörtlich hat er, was ihm in der Hauptverhandlung vorgehalten und von ihm bestätigt worden ist, bei dieser zweiten Vernehmung unter anderem erklärt:

"Tötungen durch Boger habe ich nur eine gesehen. Ich verweise hierbei auf meine Angaben, die ich in dieser Sache vor der Kriminalpolizei Frankfurt (am 9.12.1958) gemacht habe. Berichtigend zu diesen Angaben möchte ich sagen, dass es nicht zwei Frauen waren, die Boger erschossen hat, sondern nur diese eine mir gut bekannte Frau Novotny aus Prag ...".

Warum sich die Erinnerung des Zeugen wenige Monate nach der ersten Vernehmung in einem entscheidenden Punkt geändert hat, war nicht zu erforschen. Der Zeuge hat dafür keine Erklärung gegeben. Es erscheint nicht ausgeschlossen, dass der Zeuge in Gesprächen mit früheren Kameraden aus der Lagerzeit darauf hingewiesen worden ist, dass damals im Lager nur von der Erschiessung der Frau Novotny, jedoch nicht von der Erschiessung von zwei Frauen durch Boger die Rede gewesen sei.

Die Darstellung, die der Zeuge bei seiner zweiten Vernehmung über die Erschiessung der Frau Novotny gegeben hat, weicht ausserdem von der Darstellung in der Hauptverhandlung ab. Bei der zweiten Vernehmung hat der Zeuge behauptet, dass Frau Novotny sich geweigert habe, einen LKW zu besteigen und dass der Angeklagte Boger sie wegen dieser Weigerung erschossen habe. Nach der Darstellung in der Hauptverhandlung soll Frau Novotny auf der Lagerstrasse auf Boger zugegangen und ihm etwas in das Gesicht geschrien haben. Auch diese Unterschiede zwischen den beiden Aussagen lassen Zweifel aufkommen, ob der Zeuge den Vorfall tatsächlich erlebt hat.

Schliesslich ergeben sich Zweifel an der Zuverlässigkeit des Erinnerungsvermögens des Zeugen auch noch aus folgendem: Bei einer seiner früheren Vernehmungen hat der Zeuge behauptet, er habe die Angeklagten Boger und Broad bei der "Liquidierung" des Zigeunerlagers gesehen. In der Hauptverhandlung hat er demgegenüber erklärt, er könne nicht mehr genau sagen, ob die Angeklagten Broad und Boger bei der Verladung der