Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.783

3000 jüdische Menschen aus dem Theresienstädter Lager, die im September 1943 nach Auschwitz deportiert worden waren, im März 1944, nachdem man sie zunächst aus dem Lagerabschnitt B II b in den Lagerabschnitt B II a gebracht hatte, durch Gas getötet worden.

 

Auf Grund der Beweisaufnahme steht zunächst fest, dass der Angeklagte Boger bei den Vorbereitungen zur Tötung der jüdischen Menschen aus den Septembertransporten mitgeholfen hat. Der Zeuge Erich K. hat glaubhaft bekundet, dass er selbst den Angeklagten Boger hierbei gesehen habe. Boger habe - so hat der Zeuge ausgesagt - im Theresienstädter Lager (B II b) an Hand einer Liste kontrolliert, dass alle jüdischen Häftlinge, die mit den Septembertransporten aus Theresienstadt nach Auschwitz gebracht worden waren, auch aus dem Lager kämen. Er habe dafür gesorgt, dass keiner habe zurückbleiben können. Boger war auch später beim Abtransport dieser Häftlinge aus dem Quarantänelager (B II a), wohin sie zunächst aus dem Lagerabschnitt B II b gebracht worden waren, dabei. Der Zeuge Erich K. hat zwar nicht behauptet, ihn auch im Quarantänelager gesehen zu haben. Der Angeklagte Boger hat aber nicht in Abrede gestellt, dass er auch beim Abtransport der Opfer aus dem Quarantänelager anwesend gewesen sei. Er hat dies sogar indirekt zugegeben. Er hat nämlich erklärt, dass beim Abtransport der jüdischen Häftlinge aus dem Quarantänelager niemand erschossen worden sei. Damit hat er indirekt eingeräumt, den Abtransport miterlebt zu haben. Andernfalls hätte er erklärt, er sei überhaupt nicht im Quarantänelager gewesen, als die Opfer auf die LKWs verladen wurden.

Das Schwurgericht konnte jedoch nicht die sichere Überzeugung gewinnen, dass der Angeklagte Boger bei dieser Gelegenheit eine Frau erschossen hat, was ihm unter Ziffer 8 des Eröffnungsbeschlusses allein zur Last gelegt wird.

 

Allerdings hat der Zeuge Dia. bei seiner Vernehmung in der Hauptverhandlung behauptet, dass der Angeklagte Boger beim Antransport der jüdischen Häftlinge aus dem Quarantänelager eine Frau namens Novotny erschossen habe.

Dieser Zeuge ist nach seiner Aussage im Jahre 1940, nachdem er als deutscher Staatsangehöriger auf der Seite der "Roten" im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte, in Barcelona verhaftet und der Gestapo übergeben worden. Von dort kam er zunächst nach Berlin in das Gefängnis in der Prinz-Albrecht-Strasse und dann in die KL Sachsenhausen und Ravensbrück. Dort rettete er einer SS-Aufseherin das Leben. Im Jahre 1941 oder 1942 kam er - und zwar wegen der Rettung der SS-Aufseherin als sog. "Vorzugshäftling" - in das KL Auschwitz. Im KL Auschwitz übte er nacheinander die verschiedensten Funktionen als Blockältester, Lagerkapo und Lagerältester des Zigeunerlagers aus. Zur ersten "Liquidierung" des Theresienstädter Lagers wurde er mit anderen Funktionshäftlingen in das Quarantänelager befohlen. Die Funktionshäftlinge sollten widerstrebende Häftlinge mit Stöcken auf die LKWs treiben.

Der Zeuge will bei dieser Gelegenheit im Quarantänelager folgendes beobachtet haben: Der Angeklagte Boger habe - so hat der Zeuge bekundet - auf der Lagerstrasse im Quarantänelager gestanden. Auf einmal sei Frau Novotny, die er aus früheren Besuchen im Theresienstädter Lager gekannt habe, die Lagerstrasse heruntergekommen. Sie sei auf den Angeklagten Boger zugegangen und habe ihm etwas in das Gesicht gerufen. Er - der Zeuge - habe aus einer Entfernung von 5-6 Metern nur gesehen, dass Frau Novotny mit hasserfüllten Augen an den Angeklagten Boger herangekommen sei und ihm in das Gesicht geschrien habe. Sie habe ihm ihre Verachtung kundgetan. Boger habe daraufhin seine Pistole gezogen und Frau Novotny erschossen.

 

Diese Darstellung des Zeugen erscheint auf den ersten Blick nicht unglaubhaft. Die Tat ist auch dem Angeklagten Boger ohne weiteres zuzutrauen. Das Leben der jüdischen Menschen galt damals nichts. Sie sollten sowieso kurz danach in einer der Gaskammern umgebracht werden. Es erscheint daher naheliegend, dass die SS-Männer kaum Hemmungen hatten, schon vorher einige der Opfer zu töten.

Das Schwurgericht hat gleichwohl Zweifel, ob der Zeuge Dia. zutreffend berichtet hat und, falls Frau Novotny bei dem Abtransport der jüdischen Menschen aus dem Quarantänelager tatsächlich erschossen worden sein sollte, ob der Zeuge den Angeklagten Boger irrtumsfrei als Täter indentifiziert hat. Diese Bedenken bestehen deswegen, weil