Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.782

der Lilli Tofler gesehen. Im Waschraum habe er auch zwei Einschüsse bzw. Ausschüsse am Fenster gesehen. Boger sei der einzige SS-Mann gewesen, der in den Waschraum hineingegangen sei. Er müsse daher die Lilli Tofler auch erschossen haben.

Der Angeklagte Boger hat demgegenüber behauptet, er habe die Lilli Tofler nicht erschossen. Der Vorgang habe sich ganz anders abgespielt. Der Oberscharführer Kirschner sei eines Tages mit einer Exekutionsanordnung für die Lilli Tofler gekommen.

Der Hauptscharführer Gehring habe dann die Lilli Tofler auf Grund dieser Exekutionsanordnung im Beisein des Ja. erschossen. Die Erschiessung sei an einem Abend im Waschraum durch ein Kleinkalibergewehr erfolgt. Gehring habe die Lilli Tofler durch Genickschuss getötet. Gehring sei der Arrestverwalter auf Block 11 gewesen.

 

Das Schwurgericht konnte nicht die sichere Überzeugung gewinnen, dass die Darstellung des Zeugen Wö. richtig ist. Gegen die Glaubwürdigkeit des Zeugen bestehen Bedenken. Diese Bedenken sind bereits bei der Erörterung der Straftaten des Angeklagten Hantl (vgl. 3. Abschnitt Q.III.2.) geäussert und begründet worden. Auf diese Ausführungen kann daher Bezug genommen werden.

Auch in diesem Fall bestehen daher Bedenken, ob die Darstellung des Zeugen Wö. der Wahrheit entspricht. Es ist nicht ausgeschlossen, dass der Zeuge, der davon überzeugt sein mag, dass der Angeklagte Boger die Lilli Tofler erschossen hat, seine angebliche Beobachtung im Block 11 - genau wie im Falle Hantl die Beobachtung aus Block 19 - erfunden hat, um das Gericht für seine Überzeugung zu gewinnen. Die Einlassung des Angeklagten Boger im Falle Tofler erscheint nicht völlig unglaubhaft. Hierfür spricht immerhin folgendes: Die Zeugin Ro., die als Schreiberin und Dolmetscherin für den Angeklagten Boger gearbeitet hat, hat ausgesagt, dass der Angeklagte Boger bei ihr nach der Festnahme der Lilli Tofler geäussert habe: "Die Lilli Tofler ist leider verloren, weil Grabner den Brief bei ihr gefunden hat. Wäre es anders, könnte ich sie vielleicht noch retten." Diese Äusserung des Angeklagten Boger spricht dagegen, dass er die Tötung der Lilli Tofler betrieben hat. Sie offenbart vielmehr, dass der Angeklagte Boger geneigt war, diese Häftlingsfrau, vielleicht weil sie einmal in der Politischen Abteilung für ihn gearbeitet hat, zu retten. Es erscheint daher durchaus möglich, dass der Angeklagte Boger nur auf Befehl Grabners die Lilli Tofler in den Arrestbunker eingeliefert hat und dass die Anordnung ihrer Exekution von Grabner oder sogar - auf eine Meldung Grabners hin - vom RSHA ausgegangen ist. Wenn aber nicht ausgeschlossen werden kann, dass Grabner oder das RSHA die Tötung der Lilli Tofler befohlen hat, ist die Einlassung des Angeklagten Boger, dass Gehring die Exekution vollzogen hat, nicht mit Sicherheit auszuschliessen. Denn Gehring konnte als Arrestverwalter, da er sich in dieser Eigenschaft in Block 11 aufhielt, die Erschiessung der Lilli Tofler, die unter den Häftlingen Aufsehen erregen musste, am unauffälligsten vollziehen. Es erscheint im Hinblick auf die Äusserung, die der Angeklagte Boger gegenüber der Zeugin Ro. gemacht hat, nicht sehr wahrscheinlich, dass sich Boger dazu gedrängt hat, die Lilli Tofler eigenhändig zu erschiessen.

 

Bei dieser Sachlage konnte das Gericht nicht die sichere Überzeugung gewinnen, dass der Angeklagte Boger die Lilli Tofler erschossen hat. Es konnte aber auch nicht mit Sicherheit festgestellt werden, dass er zu dem Tode der Lilli Tofler bewusst und gewollt irgend einen kausalen Tatbeitrag geleistet hat.

Der Angeklagte Boger musste daher von dem Schuldvorwurf, die Lilli Tofler ermordet zu haben, mangels Beweises freigesprochen werden.

 

5.

 

Dem Angeklagten Boger wird ferner unter Ziffer 8 des Eröffnungsbeschlusses zur Last gelegt, bei dem Abtransport der Insassen des Theresienstädter Lagers (B II b) die Journalistin Novotny erschossen zu haben, weil sie sich dagegen gewehrt haben soll, auf einen LKW verladen zu werden, der die Häftlinge in die Gaskammer bringen sollte. Über die erste "Liquidierung" des sog. Theresienstädter Lagers (B II b) im März 1944 sind bereits im 3. Abschnitt unter K.II.4. Feststellungen getroffen worden. Auf sie kann daher Bezug genommen werden. Wie dort ausgeführt worden ist, sind mindestens