Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.780

gestorben, kann jedoch nicht richtig sein. Dagegen spricht zunächst der Entlassungsvermerk im Bunkerbuch. Wäre Jan Lupa bereits im Block 11 gestorben, hätte der Blockschreiber - wie in anderen Fällen - sicherlich vermerkt: "verst." Bei der den Häftling Jan Lupa betreffenden Eintragung ist jedoch neben dem Datum vom 9.3.1943 vermerkt: "entl." Ferner will der Zeuge So. den Häftling Jan Lupa noch im Mai 1943 gesehen haben. Der Zeuge, der als Häftlingspfleger im Block 21 des HKB beschäftigt war, hat ausgesagt, dass Jan Lupa von einem Arzt wegen einer Phlegmone in den HKB eingeliefert worden sei. Eines Tages seien die SS-Unterführer Lachmann und Dylewski erschienen und hätten Jan Lupa abgeholt. Nach einigen Stunden sei Jan Lupa völlig zerschlagen zurückgebracht worden. Er - der Zeuge - habe noch mit Jan Lupa gesprochen. Er habe ihn gefragt, wer ihn so zugerichtet habe. Jan Lupa habe geantwortet: "Lachmann und Dylewski." Kurze Zeit später sei Jan Lupa gestorben.

 

Der Zeuge Sew. hat dagegen eine ganz andere Darstellung gegeben. Der Zeuge hat behauptet, Jan Lupa sei von dem Angeklagten Boger im März 1943 verhaftet und auf der Politischen Abteilung misshandelt worden. Dann sei er in den Bunker gebracht worden. Da Jan Lupa jedoch nicht vernehmungsfähig gewesen sei, sei er aus dem Bunker in die chirurgische Abteilung des Blockes 21 gebracht worden. Dort sei er zwischen dem zweiten und dritten Bett unter den Armen und Beinen aufgehängt worden, weil er nicht habe liegen können. Er - der Zeuge Sew. - habe Jan Lupa noch auf Block 21 besucht. Bei dieser Gelegenheit habe ihm Jan Lupa erzählt, dass Boger ihn verhaftet und vernommen und dann in den Block 11 geschickt habe. Der Pfleger im HKB habe ihm - dem Zeugen - und seinen Kameraden gesagt, Jan Lupa könne nur gerettet werden, wenn er eine Blutübertragung erhalte. Er - der Zeuge - und weitere Häftlinge seien zu einer Blutspende bereit gewesen und seien daher am nächsten Tag erneut in den Block 21 gegangen. Plötzlich sei jedoch Boger gekommen. Sie seien daher aus Angst geflüchtet. Später seien sie zurückgekehrt. Jan Lupa sei jedoch bereits tot gewesen. Allerdings habe er - so hat der Zeuge auf Befragen eingeräumt - die Leiche nicht gesehen. Man habe die Leiche bereits weggebracht gehabt.

 

Ob diese Angaben des Zeugen Sew. der Wahrheit entsprechen, erscheint zweifelhaft. Denn bei seiner früheren Vernehmung im Ermittlungsverfahren hat der Zeuge behauptet, was ihm in der Hauptverhandlung vorgehalten und von ihm bestätigt worden ist, dass Boger in die Krankenstube hereingekommen sei, als er - der Zeuge - mit seinen Kameraden bei Jan Lupa gewesen sei und ihnen befohlen habe, die Krankenstube zu verlassen. Sie seien daraufhin hinausgegangen. Nach einer Weile sei Boger aus dem Block 21 herausgekommen. Nun seien sie - die Häftlinge - wieder zu Jan Lupa hineingegangen. Jan Lupa habe jedoch schon tot auf dem Bett gelegen. Die Pfleger hätten ihm - dem Zeugen Sew. - erzählt, dass Boger veranlasst habe, Lupa eine Phenolinjektion zu geben. Bei seiner früheren Vernehmung will der Zeuge also noch die Leiche des Jan Lupa selbst gesehen haben. Auf Vorhalt aus dieser früheren Aussage erklärte nun der Zeuge in der Hauptverhandlung: Die Pfleger hätten ihm nur gesagt, Jan Lupa sei von Boger zum "Himmelskommando" geschickt worden. Daher habe er - der Zeuge - angenommen, dass Jan Lupa mit Phenol getötet worden sei.

 

Bei diesen voneinander abweichenden Angaben der Zeugen So. und Sew. muss offen bleiben, wer den Häftling so misshandelt hat, dass er anschliessend gestorben ist. Es kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden, dass der Angeklagte Boger für den Tod Jan Lupas verantwortlich ist. Zwar erscheint es durchaus möglich, dass - wie der Zeuge Bor. meint - der Angeklagte Boger den Jan Lupa am Entlassungstag (9.3.1943) im Block 11 misshandelt hat. Sicher ist dies jedoch nicht. Denn der Zeuge Bor. war nicht Augenzeuge der Misshandlung. Er hat nur aus der Tatsache, dass der Angeklagte Boger aus der Blockführerstube herausgekommen ist und die zitierte Bemerkung gemacht hat, den Schluss gezogen, dass der Angeklagte Boger den Häftling Jan Lupa zuvor misshandelt haben müsse. Diese Schlussfolgerung ist nicht zwingend. Möglich ist, dass der Häftling Jan Lupa zuvor auf der Politischen Abteilung in der Vernehmungsbaracke von anderen SS-Angehörigen der Politischen Abteilung misshandelt und dann zur Entlassung in den Block 11 gebracht und dort auf dem Korridor niedergelegt worden ist, wo ihn der Zeuge Bor. gesehen hat. Wenn Jan Lupa aus dem Block entlassen