Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.778

Der Zeuge hat also auch in diesem Fall behauptet, dass der Angeklagte Boger an der Erschiessung der Häftlinge beteiligt gewesen sei. Auch insoweit muss sich der Zeuge irren. Denn der Angeklagte Boger war zu dieser Zeit (zwischen 8.Juni und 8.September 1942) noch nicht im KL Auschwitz.

Wenn aber der Zeuge zwei eigene persönliche Erlebnisse zu Unrecht mit dem Angeklagten Boger in Verbindung bringt, kann nicht ausgeschlossen werden, dass er auch im Falle der Misshandlung des Häftlings aus den DAW den Angeklagten Boger - wenn auch guten Glaubens - zu Unrecht belastet hat. Auf Grund seiner Aussagen konnte daher das Schwurgericht keine sicheren Feststellungen zum Nachteil des Angeklagten Boger treffen.

 

Der Angeklagte Boger war daher auch von dem Vorwurf, einen jungen polnischen Häftling in einem Raum der DAW so schwer misshandelt zu haben, dass der Häftling daran gestorben sei, mangels Beweises freizusprechen.

 

Zu d:

 

Zu diesem Anklagepunkt hat nur der Zeuge Wey. Angaben gemacht. Dieser Zeuge kam nach seiner Aussage bereits im Jahre 1940 in das KL Auschwitz, als das Lager noch im Aufbau war. Er erhielt die Häftlingsnummer 3215. Er wurde der Glaserei als Kapo zugeteilt. Später kam er als Vorarbeiter in die Malerei.

Der Zeuge hat bei seiner Vernehmung in der Hauptverhandlung ausgesagt, dass einmal im Jahre 1942 oder 1943 von dem Schlachthaus, das schräg gegenüber ihrer Werkstatt gelegen habe, Fleisch gestohlen worden sei. Boger sei daraufhin mit zwei anderen SS-Männern in die Malerei gekommen, um den Dieb zu ermitteln. Alle drei hätten die ganze Werkstatt und das Magazin durchsucht. In dem Magazin hätten sie den Häftling, der im Verdacht des Diebstahls gestanden habe, gefunden. Boger habe den Häftling zwei bis dreimal mit dem Ellenbogen in den Körper gestossen. Es sei die Taktik des Angeklagten Boger gewesen, Häftlinge mit dem "Ellenbogen zu schlagen". Der Häftling habe dann Blut gebrochen. Er sei in den HKB eingeliefert worden. Am Abend habe ihm - dem Zeugen - der Häftlingsarzt, dessen Name der Zeuge nicht mehr wusste, mitgeteilt, dass der Häftling gestorben sei. Bei dem Opfer habe es sich um einen älteren Häftling gehandelt, der aber in einem guten körperlichen Zustand gewesen sei. Denn die in den Werkstätten beschäftigten Häftlinge hätten reichlich Verpflegung bekommen. Der Angeklagte Boger hat zu dieser Aussage des Zeugen erklärt, er erinnere sich genau, dass er die Baracke durchsucht habe. Das sei jedoch nicht wegen eines Fleischdiebstahls geschehen. Mit solchen "Lappalien" habe er sich nicht abgegeben. Es habe sich vielmehr um eine Widerstandsangelegenheit gehandelt. Er - Boger - nehme an, dass es später auch zu einer Exekution gekommen sei. Er habe jedoch bei dieser Gelegenheit keinen Häftling totgeschlagen. Er habe auch niemanden zusammengeschlagen. Es sei allerdings möglich, dass einer der beiden anderen SS-Männer den Häftling zusammengeschlagen habe.

 

Das Schwurgericht konnte aus der Aussage des Zeugen Wey. nicht die sichere Überzeugung gewinnen, dass der Angeklagte Boger einen Häftling im Magazin in der vom Zeugen Wey. geschilderten Weise geschlagen hat. Der Zeuge hat behauptet, es sei die "Taktik" des Angeklagten Boger gewesen, Häftlinge mit dem Ellenbogen zu schlagen. Das ist von keinem anderen Zeugen bestätigt worden. Wie sich aus der Beweisaufnahme ergeben hat, hat der Angeklagte Boger Häftlingen bei Vernehmungen Ohrfeigen gegeben, er hat sie, um Aussagen zu erpressen, mit den Fäusten geschlagen und mit den Stiefeln getreten und hat sie im übrigen, um sie zu einer Aussage zu zwingen, mit Stöcken oder einem Ochsenziemer geschlagen oder schlagen lassen. Von "Ellenbogenschlägen" des Angeklagten Boger hat jedoch kein Zeuge berichtet. Woher der Zeuge Wey. die Kenntnis von der "Taktik" des Angeklagten Boger gehabt haben will, hat er nicht näher erläutert. Er hat nicht behauptet, dass er den Angeklagten Boger in sonstigen Fällen bei ähnlichen Misshandlungen gesehen habe. Seine Aussage muss daher nach Auffassung des Schwurgerichts mit besonderer Vorsicht beurteilt werden. Es erscheint nicht ausgeschlossen, dass der Zeuge insoweit übertreibt. Möglich erscheint auch, dass einer der beiden anderen SS-Männer den Häftling mit dem Ellenbogen gestossen