Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.776

Gegen die Zuverlässigkeit der Angaben des Zeugen Krx. bestehen Bedenken. Hierzu kann auf die Ausführungen über die Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit des Zeugen Krx. im 3. Abschnitt unter E.IV.2. verwiesen werden. Auch im Falle Janicki erscheint es nicht sicher, dass Krx. alles, was er geschildert hat, selbst erlebt hat. Es ist nicht ausgeschlossen, dass er vieles, was er von anderen damals im Lager gehört hat, als eigenes Erleben wiedergibt, ohne dass nachgeprüft werden kann, dass seine Angaben stimmen. Wann die Vernehmung, nach welcher der Janicki in der Nacht gestorben sein soll, stattgefunden hat, konnte der Zeuge Krx. nicht angeben. Er hat gemeint, es sei eine Woche vor seiner Entlassung gewesen. Da der Zeuge Krx. am 15.2.1943 aus dem Bunker entlassen worden ist, hätte sie am 8.2.1943 sein müssen. Janicki ist aber ausweislich des Bunkerbuches am 16.2.1943 gestorben. Demnach könnte der Janicki nicht unmittelbar nach der Vernehmung gestorben sein. Ferner könnte der Zeuge Krx. den Tod des Häftlings Janicki gar nicht als Augenzeuge erlebt haben, wenn die Eintragungen im Bunkerbuch richtig sind, woran zu zweifeln kein Anlass besteht.

Auf Grund der Eintragung im Bunkerbuch steht zwar fest, dass Janicki am 16.2.1943 verstorben ist. Wegen der aufgezeigten Bedenken gegen die Zuverlässigkeit und die Glaubwürdigkeit des Zeugen Krx. konnte jedoch nicht mit Sicherheit festgestellt werden, dass der Tod des Häftlings Janicki durch eine Misshandlung des Angeklagten Boger herbeigeführt worden ist, wenn hierfür auch ein erheblicher Verdacht besteht.

 

Eine Verurteilung des Angeklagten Boger war daher nicht möglich. Er musste auch von diesem Anklagepunkt mangels Beweises freigesprochen werden.

 

Zu b:

 

Nach der Aussage des Zeugen Krx. soll der Angeklagte Boger den Häftling Wroblewski im Arrestbunker mit der Pistole erschossen haben. Der Zeuge will die Erschiessungen 164 mit eigenen Augen gesehen haben. Wroblewski sei - so hat der Zeuge Krx. in der Hauptverhandlung bekundet - am Tage zuvor nach der Vernehmung des Häftlings Janicki (siehe oben) ebenfalls auf der Schaukel von zwei SS-Männern im Beisein des Angeklagten Boger schwer misshandelt worden. Die Darstellung, die der Zeuge Krx. in der Hauptverhandlung über die Erschiessung des Wroblewski durch den Angeklagten Boger gegeben hat, ist bereits oben im 3. Abschnitt unter E.IV.2. wiedergegeben worden.

Dort ist bereits darauf hingewiesen worden, dass der Zeuge Krx. früher gegenüber dem Zeugen Sm. eine andere Darstellung über die Erschiessung des Wroblewski gegeben hat. Beide Darstellungen weichen erheblich voneinander ab. Aus diesem Grunde bestehen Bedenken, ob die Aussage des Zeugen Krx. der Wahrheit entspricht, abgesehen von weiteren im 3. Abschnitt E.IV.2 angeführten Gründen, die an der Zuverlässigkeit der Angaben des Zeugen Krx. Zweifel aufkommen lassen. Sichere Feststellungen konnten daher auf Grund der Aussage des Zeugen Krx. nicht getroffen werden.

 

Der Angeklagte Boger musste daher auch von diesem Anklagepunkt mangels Beweises freigesprochen werden.

 

Zu c:

 

Zu diesem Anklagepunkt hat nur der Zeuge Krona. Angaben gemacht. Der Zeuge hat nach seiner Aussage vor dem zweiten Weltkrieg in Ostrolenka/Polen als selbständiger Schreinermeister gelebt. Er hatte die deutsche Staatsangehörigkeit. Nach Ausbruch des zweiten Weltkrieges und der Besetzung der polnischen Gebiete durch deutsche Truppen war der Zeuge einige Zeit als Bürgermeister in Ostrolenka eingesetzt. Eines Tages wurde er wegen des Verdachts der Spionage verhaftet. Im Herbst 1941 wurde er in das KL Auschwitz eingeliefert. Im KL Auschwitz hat er vornehmlich als Schreiber gearbeitet. Meist war er in den deutschen Ausrüstungswerken (DAW) beschäftigt. Der Zeuge hat in der Hauptverhandlung behauptet, dass der Angeklagte Boger einen in den DAW beschäftigten Häftling so geschlagen habe, dass der Häftling unmittelbar danach gestorben sei. Im einzelnen hat er hierzu folgendes ausgesagt: Im Jahre 1943 sei auf dem Dachboden der DAW ein Brand entstanden. Man habe 6 Häftlinge, die in den DAW einen Fahrstuhl bedient hätten, verdächtigt, diesen Brand gelegt zu haben. Man

164 Sic!