Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.775

"geschmissen". Nähere Angaben konnte der Zeuge Bor. nicht machen.

Aus dieser Aussage des Zeugen Bor. ergibt sich zwar, dass Janicki zuvor vernommen und schwer misshandelt worden sein muss. Es konnte jedoch nicht festgestellt werden, dass Janicki an diesen Misshandlungen gestorben ist. Denn die Vernehmung des Janicki muss noch im Dezember 1942 gewesen sein, da Bor. kurz nach seiner Einlieferung in den Block 11 vernommen worden ist. Ausweislich des Bunkerbuches war der Häftling Janicki vom 17.12.1942 bis zum 16.2.1943 inhaftiert. Neben dem Datum vom 16.2.1943 befindet sich der Vermerk: "verstorben". Es kann daher nicht zweifelhaft sein, dass Janicki an diesem Tag gestorben ist. Von der Misshandlung im Dezember 1942 bis zum Tode des Häftlings Janicki sind somit einige Wochen vergangen. Eine Kausalität zwischen der Misshandlung im Dezember 1942 und dem Tode des Häftlings Janicki im Februar 1943 kann daher nicht festgestellt werden. Janicki ist auch noch einmal im Januar 1943 vernommen worden. Das zeigt, dass er sich in der Zwischenzeit von der Misshandlung im Dezember 1942 wieder erholt haben muss.

 

Dass Janicki noch einmal im Januar vernommen worden ist, ergibt sich aus der Aussage des Zeugen Se. Se. hat glaubhaft bekundet, dass er zwischen dem 12.1. und 20.1.1943 verhaftet und zur Vernehmungsbaracke der Politischen Abteilung gebracht worden sei. Ausser ihm seien - so hat der Zeuge Se. weiter ausgesagt - noch zwei weitere Häftlinge zur Vernehmungsbaracke der Politischen Abteilung geführt worden. Einer dieser beiden sei der Georg Janicki gewesen. Er - Se. - habe zunächst auf dem Gang der Vernehmungsbaracke mit dem Gesicht zur Wand mit den beiden anderen Häftlingen warten müssen. Dann sei Georg Janicki in das Vernehmungszimmer des Angeklagten Boger hineingeführt worden. Er - Se. - habe Schläge und Schreie gehört. Nach einer Stunde sei Janicki blutüberströmt aus dem Zimmer "herausgeschmissen" worden. Hinter ihm sei Boger aus dem Zimmer herausgekommen. Später habe er - Se. - den Janicki nicht mehr gesehen. Von der Schreibstube habe er gehört, dass er gestorben sei. Dass diese Misshandlung des Janicki, die nach den vom Zeugen Se. geschilderten Umständen durch Boger erfolgt sein muss, zum Tode des Janicki geführt hat, konnte ebenfalls nicht festgestellt werden. Denn sie muss nach der Aussage des Zeugen Se. in der Zeit zwischen dem 12.1. und 20.1.1943 erfolgt sein. Janicki hat aber ausweislich des Bunkerbuches noch bis zum 16.2.1943 gelebt, so dass eine Kausalität zwischen der Misshandlung und dem Tode des Janicki nicht mit Sicherheit festgestellt werden kann.

 

Schliesslich hat noch der Zeuge Krx. von einer Vernehmung berichtet, bei der der Zeuge 163 Janicki auf der Schaukel schwer misshandelt worden sei. Der Zeuge Krx. hat ausgesagt, dass er im Dezember 1942 verhaftet worden sei. Unmittelbar danach sei er von der Politischen Abteilung vernommen und bis zur Bewusstlosigkeit geschlagen worden. Anschliessend sei er in den Arrestbunker eingeliefert worden. Insoweit kann der Aussage des Zeugen gefolgt werden. Denn aus der den Zeugen Krx. betreffenden Eintragung im Bunkerbuch Band I/98 ergibt sich, dass der Zeuge vom 18.12.1942 bis zum 15.2.1943 im Block 11 inhaftiert war. Am 15.2.1943 ist er in das Lager entlassen worden. Der Zeuge Krx. hat dann weiter bekundet, dass er in der folgenden Zeit täglich oder einen über den anderen Tag - 60 Tage lang - verhört worden sei. Bei einer dieser Vernehmungen sei auch der Häftling Janicki dabeigewesen. Der Zeuge Krx. hat diese Vernehmung wie folgt geschildert: Mehrere Häftlinge hätten in der Vernehmungsbaracke auf dem Korridor in einer Reihe gestanden. Der erste in der Reihe sei Janicki, der zweite in der Reihe ein Häftling namens Wroblewski gewesen. Hinter Wroblewski habe er - der Zeuge - gestanden. Hinter ihm - dem Zeugen - hätten noch weitere Häftlinge auf ihre Vernehmung gewartet. Boger und andere SS-Männer hätten zunächst den Häftling Janicki verhört. Janicki sei auf die sog. Bogerschaukel gebracht und dann von zwei SS-Männer abwechselnd geschlagen worden. Aus Janicki sei "Hackfleisch" gemacht worden. Man habe ihn mit 70 cm langen Stöcken aus "Südbäume" (wahrscheinlich Bambus) geschlagen. Boger habe Janicki nach dem Schlagen von der Schaukel abgenommen und auf den Korridor "geschmissen". Später hätten sie - die Häftlinge - den Janicki in seinem Mantel in den Bunker zurückgebracht. Alle seien sie in die Zelle Nr.20 gekommen. In der Nacht sei Janicki gestorben.

163 Sic!