Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.773

Das Schwurgericht konnte daher auf Grund der Aussage des Zeugen Schei. wegen der aufgezeigten Widersprüche und verschiedener Unwahrscheinlichkeiten in seinen Angaben keine sicheren Feststellungen zum Nachteil des Angeklagten Boger treffen, so dass der Angeklagte Boger von dem Schuldvorwurf unter Ziffer 3 d des Eröffnungsbeschlusses mangels Beweises freigesprochen werden musste.

 

Zu b.:

 

Zu diesem Anklagepunkt hat der zuverlässige Zeuge Dr. P. folgende Bekundung gemacht: Er habe einmal im Jahre 1943 beobachtet, wie der Angeklagte Boger zwei sowjetische Offiziere in den Block 11 gebracht habe. Boger habe beide von der Lagerstrasse durch die Tür in den Block 11 hineingeführt. Kurz danach seien zwei Leichenträger mit einer Trage durch das Haupttor auf den Hof zwischen Block 10 und 11 gelaufen. Nach etwa 4 bis 5 Minuten habe er - der Zeuge - zwei Schüsse gehört. Boger habe kurze Zeit später den Block 11 wiederum verlassen. Die Leichenträger seien dann mit der Trage schnell aus dem Tor heraus zu dem Block 28 gelaufen. Er - der Zeuge - sei dann aus Neugierde zu dem Leichenkeller im Block gegangen. Dort habe er oft zu tun gehabt, daher habe er sich, ohne aufzufallen, dorthin begeben können. Im Leichenkeller habe er die beiden russischen Offiziere tot in einem Sarg liegen sehen. Sie seien nackt und noch warm gewesen. Er habe sie selbst berührt, um das festzustellen.

 

Nach diesen vom Zeugen P. glaubhaft geschilderten Umständen kann es nicht zweifelhaft sein, dass der Angeklagte Boger die beiden sowjetischen Offiziere erschossen hat oder durch einen im Block 11 beschäftigten SS-Mann hat erschiessen lassen. Wahrscheinlich hat er die beiden Offiziere eigenhändig getötet. Denn der Zeuge P. hat ausdrücklich betont, dass kein anderer SS-Mann vor der Erschiessung der beiden Offiziere in den Block 11 hineingegangen sei und dass, nachdem die beiden Schüsse gefallen seien, kein anderer als der Angeklagte Boger den Block wieder verlassen habe. Möglich ist jedoch, dass der Angeklagte Boger die Exekution durch einen im Block 11 befindlichen SS-Mann, etwa den Arrestaufseher, hat vollziehen lassen. Das kann aber dahingestellt bleiben; denn der Angeklagte Boger hat, da er die beiden Offiziere auf Block 11 gebracht hat, auf jeden Fall kausale Tatbeiträge zu dem Tod der beiden Offiziere geleistet, auch wenn er sie nicht eigenhändig erschossen hat.

 

Gleichwohl konnte der Angeklagte Boger in diesem Fall nicht wegen Mordes oder Totschlags verurteilt werden. Denn es war nicht zu klären, welches die Hintergründe dieser Erschiessung gewesen sind. Bei den beiden russ. Offizieren kann es sich nicht um russische Kriegsgefangene gehandelt haben, die bereits in das Lager aufgenommen worden waren. Denn sonst hätten sie Häftlingskleidung getragen. Nach der Bekundung des Zeugen P. waren sie noch in Offiziersuniform. Wahrscheinlich sind sie von irgend einer Gestapoleitstelle oder einem Einsatzkommando zum Zwecke der "Liquidierung" in das KL Auschwitz eingeliefert worden.

Es ist zu vermuten, dass sie auf Grund des OKW-Befehls vom 6.6.1941 getötet worden sind, weil sie in der Roten Armee die Funktion eines politischen Kommissars ausgeübt haben (vgl. 2. Abschnitt VII.3.). Mit Sicherheit steht dies jedoch nicht fest. Denn der Zeuge P. hat nicht behauptet, dass die beiden russ. Offiziere Politkommissare gewesen seien. Er hat nur von "russischen Offizieren" gesprochen. Es bestehen zwar keine Anhaltspunkte dafür, dass gegen die beiden Offiziere durch irgendein Gericht Todesurteile verhängt worden waren. Es erscheint auch unwahrscheinlich. Die Möglichkeit, dass man gegen die Offiziere wegen irgendwelcher "Vergehen" ein gerichtliches Verfahren durchgeführt und sie zum Tode durch Erschiessen verurteilt hat, war jedoch nicht mit Sicherheit auszuschliessen. Die Erschiessung der beiden Offiziere kann die Vollstreckung eines solchen Todesurteils gewesen sein, wobei nicht zu klären ist, ob dieses Todesurteil rechtmässig ergangen ist oder wegen Verstosses gegen anerkannte Rechtsgrundsätze als rechtswidrig angesehen werden muss. Schon aus diesem Grund war eine Verurteilung des Angeklagten Boger nicht möglich.

 

Der Angeklagte hat - davon muss man zu seinen Gunsten ausgehen - die beiden russischen Offiziere auf Befehl getötet bzw. töten lassen. Denn wenn sie, wofür alles spricht,