Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.772

Hiervon abgesehen, erscheint es auch unwahrscheinlich, dass der Zeuge vom Fenster der Quarantänestation aus ungehindert den Erschiessungen auf dem Hof zwischen Block 10 und 11 hat zusehen können. Der Zeuge hat selbst erklärt, dass es verboten gewesen sei, die Erschiessungen durch die Fenster zu beobachten. Die Häftlinge hätten die Stuben, deren Fenster auf den Hof begangen seien, räumen und auf die andere Seite des Blockes 11 hinübergehen müssen. Das hat der frühere Schreiber des Blockes 11, der Zeuge Wl. - wie oben bereits erwähnt - bestätigt. Der Zeuge Stein. hat - wie ebenfalls bereits ausgeführt - bekundet, dass die Stuben, wenn sie vor Erschiessungen von den Insassen geräumt worden seien, anschliessend abgeschlossen worden seien. Der Zeuge Stein. hat selbst auch nie gewagt, sich nach der Räumung der Stuben wieder zurückzuschleichen, um Erschiessungen zu beobachten. Der Zeuge Schei. will sich aus Neugier wieder in die Stube, von der aus Beobachtungsmöglichkeiten auf den Hof bestanden, zurückgeschlichen und trotz des strengen Verbotes Exekutionen beobachtet haben. Das erscheint unglaubhaft. Der Zeuge Schei. war für die Entlassung vorgesehen. Er musste damit rechnen, dass die verfügte Entlassung rückgängig gemacht und er schwer bestraft werden würde, wenn er am Fenster erwischt würde. Es ist kaum anzunehmen, dass er sich nur aus Neugierde dieser Gefahr ausgesetzt hat.

 

Weitere Bedenken gegen die Glaubwürdigkeit des Zeugen ergeben sich aus folgendem: Der Zeuge will am 9. oder 14.5.1943 Erschiessungen aus einer Stube beobachtet haben. Hierzu hat er folgende Darstellung gegeben: Vor den Erschiessungen hätten sie - die Häftlinge - zunächst die Stube räumen müssen. Er - der Zeuge - sei jedoch später wieder in seine Stube zurückgekehrt. Dort habe er gehört, wie auf dem Hof geschossen worden sei. Er habe die Schüsse gezählt. Durch das Fenster habe er dann gesehen, wie der Angeklagte Boger den Gustel Berger erschossen habe. Berger habe auf Bayrisch gerufen: "Saubande, Mordbande!" Ein anderer Häftling habe vor Boger auf den Knien gelegen und um sein Leben gefleht. Boger habe aber den Häftling, der Ludwig geheissen habe, ebenfalls durch Genickschuss getötet. Anschliessend sei er - der Zeuge - von Block 11 zum HKB gegangen, um sich dort behandeln zu lassen. Als er zurückgekommen sei, sei er nicht mehr in den Block 11 hineingekommen. Er habe sich an dem Holztor aufgestellt und habe gesehen, wie auf dem Hof zwischen Block 10 und 11 noch weitere Häftlinge erschossen worden seien.

Auch diese Schilderung des Zeugen ist nicht glaubhaft. Bedenken bestehen in diesem Fall schon deswegen, weil es unwahrscheinlich erscheint, dass sich der Zeuge vor seiner Entlassung der Gefahr einer Entdeckung ausgesetzt haben will. Noch unwahrscheinlicher erscheint es, dass der Zeuge während der Exekution den Block 11 verlassen haben will. Vor den Erschiessungen wurde jeweils Blocksperre im Block 11 angeordnet. Die im Block 11 befindlichen Häftlinge durften sich nicht frei bewegen. Häftlingen aus dem Lager wurde der Zutritt zu Block 11 nicht gestattet. Es wäre daher ungewöhnlich, wenn die SS-Angehörigen dem Zeugen Schei. das Verlassen des Blockes gestattet haben sollten. Wenig glaubhaft erscheint auch, dass der Zeuge später am Hoftor stehend die Erschiessungen mit angesehen hat. Hier war die Gefahr der Entdeckung noch grösser. Der Zeuge hätte damit seine bevorstehende Entlassung gefährdet. Es ist nicht anzunehmen, dass er sich dieser Gefahr ohne zwingende Notwendigkeit ausgesetzt hat.

Aus den Eintragungen im Bunkerbuch ist nicht zu ersehen, dass am 9.5. oder 14.5.1943 ein Häftling namens Gustel Berger erschossen worden ist. Im Bunkerbuch ist an zwei Stellen ein Häftling namens Georg Berger, bei dem es sich wahrscheinlich um den vom Zeugen Schei. erwähnten "Gustel" Berger handelt, eingetragen. Nach diesen Eintragungen war Georg Berger das erste Mal am 3.3.1943 bis 13.3.1943 (Band I/134) im Arrestbunker inhaftiert. Dann wurde er in den HKB verlegt. Am 21.4.1943 kam er erneut in den Arrestbunker (Band II/3). Er blieb bis zum 1.9.1943. Neben diesem Datum ist ein Kreuz eingetragen. Das bedeutet nach der glaubhaften Aussage des Zeugen Pi., dass der Häftling an diesem Tag erschossen worden ist.

Nach einer weiteren Eintragung im Bunkerbuch (Band II S.1) war ferner ein Häftling namens Siegfried Berger vom 1.4. - 3.4.1943 im Arrestbunker eingesperrt. Neben dem Datum vom 3.4.1943 ist ebenfalls ein Kreuz eingetragen. Es muss daher davon ausgegangen werden, dass der Häftling Siegfried Berger an diesem Tag erschossen worden ist. Keiner der beiden Häftlinge mit dem Namen Berger ist also am 9.5. oder 14.5. - wie es der Zeuge Schei. behauptet - erschossen worden.