Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.771

Von der Quarantänestation aus will der Zeuge einer Reihe von Erschiessungen auf dem Hof zwischen Block 10 und 11 zugesehen haben. Nach der Aktion gegen russische Kommissare befragt, gab der Zeuge Schei. zunächst folgendes an:

Mitte Mai 1943 seien russische Kommissare, unter denen 4 Frauen gewesen seien, auf Block 11 gebracht worden. Sie hätten ihre Kleider ablegen müssen und seien dann in den Keller gebracht worden. Später seien sie erschossen worden. Er selbst hat die Exekution jedoch nicht gesehen. Kameraden hätten ihm nur davon erzählt.

Diese Aussage steht im Widerspruch zu der Bekundung, die der Zeuge Schei. bei seiner polizeilichen Vernehmung vom 1.12.1959 im Ermittlungsverfahren gemacht hat. Damals hat der Zeuge angegeben, dass er die Erschiessungen der russischen Kommissare mit eigenen Augen gesehen habe. Im einzelnen hat der Zeuge damals die Erschiessungen wie folgt geschildert:

"Es wurden ca. 40 russische Kriegsgefangene gebracht. Ich hörte, dass es sich um russische Kommissare handele. Unter ihnen waren auch drei weibliche Gefangene. Dass es sich um Russen gehandelt hat, weiss ich daher, weil sie am Abend zuvor in Uniform mit Lastwagen gebracht wurden. Diese Russen mussten dann ihre Uniform ausziehen und wurden nackt erschossen. Auch bei dieser Erschiessung habe ich gesehen, dass Boger mindestens fünf Russen durch Genickschuss getötet hat. Die Erschiessung der Frauen habe ich nicht gesehen. Die Gefangenen wurden durch Ja. an die "Schwarze Wand" geführt ..."

 

Dem Zeugen Schei. wurde dieser Absatz aus dem Protokoll über seine frühere Vernehmung in der Hauptverhandlung vorgehalten. Der Zeuge Schei. hat eingeräumt, dass er diese Angaben bei seiner früheren Vernehmung gemacht hat. Auf den Vorhalt, wie es komme, dass die frühere Schilderung erheblich von seiner Darstellung in der Hauptverhandlung abweiche, hat der Zeuge erklärt, es müsse ein Missverständnis sein. Er habe Boger nur in den Block 11 gehen sehen. Er blieb also zunächst noch dabei, dass er die Erschiessung der Kriegsgefangenen nicht mitangesehen habe. Erst später - nach einer Pause - hat dann der Zeuge unerwartet erklärt, er habe den Erschiessungen der russ. Kommissare doch zugesehen. Er habe durch das Fenster der Quarantänestation gesehen, wie insgesamt 26 Personen, 22 Männer und 4 Frauen, erschossen worden seien. Der Angeklagte Boger habe 5 Personen eigenhändig erschossen. Es seien auch andere SS-Männer dabeigewesen. Unter anderem will der Zeuge auch den Angeklagten Kaduk gesehen haben.

 

Auf diese widerspruchsvollen Angaben konnten keine sicheren Feststellungen gestützt werden. Es besteht der Verdacht, dass der Zeuge Schei. bei seiner früheren Vernehmung seine angeblich eigene Beobachtung erfunden hat. Wahrscheinlich hat er von der Erschiessung russischer Kommissare gehört. Sonst wäre seine ursprüngliche Aussage in der Hauptverhandlung, er habe die Exekutionen nicht selbst gesehen, nur Kameraden hätten ihm davon berichtet, nicht zu erklären. Denn wenn der Zeuge tatsächlich die Erschiessungen mit eigenen Augen gesehen hätte, hätte er das auch noch bei seiner Vernehmung in der Hauptverhandlung wissen müssen. Hierfür spricht ferner, dass der Zeuge nach dem Vorhalt aus dem Vernehmungsprotokoll vom 1.12.1959 zunächst noch bei seiner Bekundung geblieben ist, dass er die Exekution nicht selbst mitangesehen habe, sondern nur den Angeklagten Boger auf den Block 11 habe gehen sehen. Wenn der Zeuge dann später behauptet hat, er habe die Erschiessungen doch mit eigenen Augen mitangesehen, so kann dieser Aussage kein Beweiswert mehr zuerkannt werden. Irgendeine überzeugende Erklärung für die widersprüchlichen Angaben konnte der Zeuge nicht geben. Widersprüchlich sind auch die Angaben des Zeugen über die Anzahl der erschossenen Personen. Bei seiner früheren Vernehmung hat der Zeuge angegeben, es seien ca. 40 russische Kommissare gewesen, unter denen sich 3 Kommissarinnen befunden hätten. Nach seiner Aussage in der Hauptverhandlung sollen es genau 26 Personen, 22 Männer und 4 Frauen, gewesen sein. Bei seiner früheren Vernehmung hat der Zeuge angegeben, dass er die Erschiessungen der Frauen nicht gesehen habe. In der Hauptverhandlung hat er demgegenüber erklärt, dass er auch die Erschiessung von 4 Frauen gesehen habe.