Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.769

Tötungshandlungen in irgend einer Weise bewusst und gewollt gefördert hat.

 

Allerdings fiel in die Zeit seiner Adjutantentätigkeit die zweite "Liquidierung" des sog. Theresienstädter Lagers (Lagerabschnitt B II b in Birkenau). Die jüdischen Menschen, die am 20.12.1943 aus dem KL Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort in dem Lagerabschnitt B II b untergebracht worden waren (vgl. 3. Abschnitt K.II.4.), wurden auf Befehl der SS-Führung ein halbes Jahr nach ihrer Ankunft in Auschwitz ebenso wie die Transporte, die bereits am 6. oder 7.9.1943 nach Auschwitz transportiert und am 8./9.3.1944 in einer der Gaskammern umgebracht worden waren, getötet. Wie der Zeuge Erich K. glaubhaft bekundet hat, wurden vor dieser zweiten "Liquidierung" der jüdischen Menschen aus Theresienstadt die arbeitsfähigen Männer und Frauen herausgesucht und auf Transport geschickt. Sie kamen irgendwo zum Arbeitseinsatz. Danach wurden die zurückgebliebenen Menschen, die im Dezember 1943 aus Theresienstadt in Auschwitz angekommen waren, mit LKWs in eine der Gaskammern gebracht und dort mit Zyklon B getötet. Dies war nach der Aussage des Zeugen Berg., der kurz vor der Räumung des Theresienstädter Lagers mit anderen Jugendlichen in den Lagerabschnitt B II d verlegt worden war, Ende Juni 1944.

In der Nacht vom 31.7. zum 1.8.1944, also auch in der Zeit, in der der Angeklagte Höcker Adjutant war, wurden ferner auf Befehl des RSHA die im sog. Zigeunerlager (Lagerabschnitt B II e) untergebrachten Zigeuner auf LKWs verladen und in die Gaskammer in Birkenau gebracht, wo sie durch Zyklon B getötet wurden. Vorher hatte man noch kräftige Zigeuner ausgesucht und in das Stammlager gebracht. Sie sollten irgendwo zum Arbeitseinsatz kommen. Über diese "Liquidierung" des Zigeunerlagers haben unter anderem die Zeugen Lei., Bej., Am. und Berg. berichtet. Auf sie wird noch bei der Erörterung weiterer Schuldvorwürfe gegen den Angeklagten Boger zurückzukommen sein.

 

Es besteht der erhebliche Verdacht, dass auch der Angeklagte Höcker an diesen Aktionen in irgend einer Weise beteiligt gewesen ist. Als Adjutant des Lagerkommandanten können ihm diese Aktionen nicht verborgen geblieben sein. Vor allem ist anzunehmen, dass er vor den Aktionen über den erforderlichen Einsatz der LKWs informiert worden ist. Da ihm die Fahrbereitschaft unterstand, besteht auch der erhebliche Verdacht, dass er entweder den Befehl für den Einsatz der LKWs gegeben oder zumindest die Genehmigung für die Verwendung der LKWs bei diesen Aktionen erteilt hat. Sichere Feststellungen konnten insoweit jedoch nicht getroffen werden.

Kein Zeuge hat den Angeklagten Höcker bei den Aktionen beobachtet. Es ist auch kein Zeuge vorhanden, der Bekundungen darüber hätte machen können, dass der Angeklagte Höcker "vom Schreibtisch aus" die Aktionen gelenkt oder irgendwie beeinflusst hätte. Auch hat niemand darüber Auskunft geben können, dass der Angeklagte Höcker den Einsatz der LKWs für diese Aktion befohlen oder den Einsatz der LKWs genehmigt hat. Beweisurkunden, aus denen Rückschlüsse auf eine Beteiligung des Angeklagten Höcker an diesen Aktionen hätten gezogen werden können, sind nicht vorhanden. Das Schwurgericht war daher nicht in der Lage, konkrete Feststellungen über eine kausale Mitwirkung des Angeklagten Höcker zu treffen.

Die Aktion gegen die jüdischen Menschen aus Theresienstadt und gegen die Zigeuner war Sache des RSHA, das seine Befehle und Weisungen unmittelbar an die Politische Abteilung des KL Auschwitz gab. Diese war vermutlich in erster Linie für die Durchführung der Aktionen verantwortlich. Dass man auch den Angeklagten Höcker als Adjutanten in die "Abwicklung" dieser Aktionen eingeschaltet hat, ist zwar zu vermuten, steht jedoch nicht mit Sicherheit fest. Die LKWs waren zu der Zeit, in der der Angeklagte Höcker Adjutant war, für die "Abwicklung" der RSHA-Transporte bereits generell nach Birkenau abgestellt. Mit ihnen wurden die kranken und schwachen jüdischen Menschen, die mit RSHA-Transporten ankamen, ohne dass es noch eines besonderen Einsatzbefehles durch den Adjutanten bedurft hätte, in die Gaskammern transportiert. Es ist daher möglich, dass diese LKWs auch ohne besondere Einsatzbefehle oder eine besondere Genehmigung des Adjutanten für die genannten Aktionen verwendet worden sind. Fahrbefehle waren, da es sich um Fahrten innerhalb des Konzentrationslagerbereiches handelte, nicht erforderlich. Mit Sicherheit konnte daher nicht festgestellt werden, dass der Angeklagte Höcker bewusst und gewollt kausale Tatbeiträge zu den Aktionen