Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.766

habe, dass aus den Strohsäcken Holzwolle und Fäkalien herausfielen, weil die Strohsäcke mit der Öffnung nach unten getragen würden. Wahrscheinlich habe Mulka Angst vor Ansteckung gehabt. Er sei aufgeregt gewesen. Dann habe er die Pistole gezogen. Drei Häftlinge seien nebeneinander an ihm vorbeigegangen. Er habe auf einen dieser drei Häftlinge zwei Schüsse abgegeben. Der Häftling sei sofort hingefallen. Daraufhin sei Unruhe unter den Häftlingen ausgebrochen. Die Häftlinge, die die Strohsäcke getragen hätten, hätten aus der Nähe des Angeklagten Mulka weglaufen wollen. Sie hätten sich umgedreht. Daraufhin habe Mulka auf den zweiten Häftling auch zwei Schüsse abgegeben. Er - der Zeuge - habe genau gesehen, dass sich der Häftling hinter dem Strohsack versteckt habe und dass aus seinem Ärmel Blut geflossen sei. Mulka habe den Strohsack umsprungen und habe noch zwei weitere Schüsse auf den Häftling abgegeben. Dann habe er den dritten Häftling mit zwei Schüssen von rückwärts erschossen. Als Thram dies gesehen habe, habe er dem Kutscher zugerufen: "Vorwärts! Um das Auto herum und weg!" Daraufhin seien sie weiter gefahren. Thram habe zu dem anderen SS-Mann (Pome.) sinngemäss gesägt: "Der alte Mulka ist wild geworden, er hat vermutlich Angst vor Typhus." Sie seien dann nach Harmense weitergefahren und er - der Zeuge - habe sofort seinen Kameraden erzählt, was vorgefallen sei. Die Kameraden hätten das mit Ruhe aufgenommen, weil sie schon längere Zeit im Lager gewesen seien. Bei Mulka sei noch ein zweiter SS-Mann in Uniform gewesen, dessen Rangabzeichen ihnen nicht bekannt gewesen sei. Die Strohsäcke seien verbrannt worden. Er - der Zeuge - wisse nicht, warum Mulka geschossen habe. Er nehme an, dass einer der Häftlinge ihn berührt habe.

 

Das Gericht hat dem Zeugen Ry. geglaubt, dass er auf der Fahrt vom Schutzhaftlager nach Harmense beobachtet hat, wie ein SS-Führer drei Häftlinge, die Strohsäcke trugen, erschossen hat, obwohl dies der Zeuge Pome., der sich an diese Fahrt noch erinnern konnte, nicht bestätigt hat. Pome. wusste von einem solchen Vorfall nichts. Es ist möglich, dass die Erinnerung des Zeugen Pome. insoweit verblasst ist. Aber der Zeuge hat angegeben, dass er im Jahre 1944 verschüttet gewesen sei und sich daher an vieles nicht mehr erinnern könne. Es ist daher möglich, dass ihm der Vorfall entfallen ist.

 

Das Gericht konnte jedoch aus der Aussage des Zeugen Ry. nicht die sichere Überzeugung gewinnen, dass der Täter tatsächlich der Angeklagte Mulka gewesen ist. Der Zeuge Ry. hat zwar - wie schon ausgeführt - in der Hauptverhandlung erklärt, er habe den Angeklagten Mulka damals bereits gekannt. Insoweit bestehen jedoch Bedenken gegen die Zuverlässigkeit seiner Angaben. Der Zeuge Nale. war ebenfalls im Kommando Harmense. Er gehörte zu den Kameraden des Zeugen Ry., denen der Zeuge von seinem Erlebnis sofort berichtet hat. Nach der Aussage des Zeugen Nale. hat der Zeuge Ry. bei der Schilderung seines Erlebnisses den Namen des Angeklagten Mulka nicht erwähnt. Er hat - so hat der Zeuge Nale. bekundet - vielmehr erzählt, dass ein SS-Offizier im Range eines Obersturmführers drei Häftlinge erschossen habe. Er hat seinen Kameraden ferner erklärt, dass er den SS-Offizier an diesem Tage zum ersten Mal gesehen habe. Der Zeuge Nale. hat somit zwar bestätigt, dass Ry. damals einen Vorfall geschildert hat, bei dem ein SS-Führer drei Häftlinge erschossen hat, der Zeuge Nale. hat aber auf ausdrückliches Befragen erklärt, dass Ry. und Kornacki den Namen des Täters nicht genannt hätten. Sie hätten nur von einem SS-Offizier im Range eines SS-Obersturmführers gesprochen. Ry. habe erzählt, dass er den SS-Obersturmführer zum ersten Mal gesehen habe. Wenn das aber stimmt, woran zu zweifeln kein Anlass besteht, erscheint es wenig wahrscheinlich, dass der Zeuge Ry. den Angeklagten Mulka bereits damals gekannt hat. Andernfalls hätte er seinen Kameraden, was für die Häftlinge immerhin von Interesse war, den Namen genannt.

 

Weitere Bedenken, ob der Zeuge Ry. den Angeklagten Mulka überhaupt gekannt und den Täter, der die drei Häftlinge erschossen hat, richtig identifiziert hat, ergeben sich aus folgendem: Der Zeuge Ry. hat bei seiner Vernehmung in der Hauptverhandlung auf die Frage, woher er den Angeklagten Mulka im Zeitpunkt der Erschiessung der drei Häftlinge bereits gekannt habe, keine befriedigende Antwort geben können. Er hat erklärt, er habe ihn schon vorher drei- bis viermal in Harmense gesehen gehabt, wenn