Justiz und NS-Verbrechen Bd.XXI Verfahren Nr.590 - 595 (1965)

Prof. Dr. C.F. Rüter, Dr. D.W. de Mildt
© Foundation for Research on National-Socialist Crimes, Amsterdam

Lfd.Nr.595a    LG Frankfurt/M.    19.08.1965    JuNSV Bd.XXI S.763

Persönlichkeit gewesen. Man habe ihn im Lager gekannt. Diese Behauptung des Zeugen ist durch die Beweisaufnahme nicht bestätigt worden. Ausser dem Zeugen Krx., auf den noch zurückzukommen sein wird, und dem Zeugen Ol. hat kein Zeuge behauptet, den Angeklagten Mulka jemals im Schutzhaftlager gesehen zu haben. Nur wenige Zeugen haben den Angeklagten Mulka überhaupt gekannt. Auch der Zeuge Gl. hat offenbar den Namen des damaligen Adjutanten nicht genau gekannt. Denn er konnte auch jetzt den Namen noch nicht richtig aussprechen. Ausser dem Zeugen Gl. hat kein zuverlässiger Zeuge bekundet, dass der Angeklagte Mulka an Erschiessungen an der Schwarzen Wand beteiligt gewesen sei. Der Zeuge Wl., der vom Februar 1942 bis Dezember 1942 Blockschreiber im Block 11 gewesen ist, hätte es wissen müssen, wenn der Adjutant Mulka zu Erschiessungen in den Block 11 gekommen wäre. Dieser Zeuge hat den Angeklagten Mulka jedoch nicht gekannt. Er hat nichts davon berichtet, dass Mulka jemals bei Erschiessungen anwesend gewesen sei. Bei der auffälligen Erscheinung des Angeklagten Mulka und seinem - aus der Sicht der Häftlinge gesehen - relativ hohen Rang wäre es dem Zeugen sicher aufgefallen, wenn Mulka an Erschiessungen teilgenommen hätte. Auch der Zeuge Pi., der den Zeugen Wl. als Schreiber im Block 11 im Dezember 1942 abgelöst hat, hat nichts davon gewusst, dass der Angeklagte Mulka während der Erschiessungen auf dem Hof zwischen Block 10 und 11 anwesend gewesen ist. Als Schreiber hätte er es eigentlich wissen müssen, wenn Mulka in der Zeit zwischen Dezember 1942 und dem 9.März 1943 (dem Tag des Wegganges des Angeklagten aus dem KL Auschwitz) jemals in Block 11 gewesen wäre.

 

Auch andere Zeugen, die Erschiessungen an der Schwarzen Wand miterlebt haben, haben nichts von einer Beteiligung des Angeklagten Mulka berichtet.

Der Zeuge Gl. ist - wie bereits bei der Erörterung der Straftaten des Angeklagten Dylewski (3. Abschnitt E.III.3.) und bei der Erörterung der Straftaten des Angeklagten Scherpe (3. Abschnitt P.III.2.) sowie bei der Erörterung der Straftaten des Angeklagten Hantl (3. Abschnitt Q.III.2.) im einzelnen ausgeführt worden ist - kein zuverlässiger Zeuge. Insbesondere bestehen Bedenken, ob seine Erinnerung an Personen zuverlässig ist. Auf Grund seiner Aussage konnte daher nicht festgestellt werden, dass der Angeklagte Mulka an Erschiessungen auf dem Hof zwischen Block 10 und 11 in irgend einer Weise teilgenommen hat.

 

Schliesslich hat noch der Zeuge Bor. bekundet, der Angeklagte Mulka habe zwei- bis dreimal an sog. Bunkerentleerungen teilgenommen. Der Zeuge will den Angeklagten im Arrestbunker gesehen haben.

Der Zeuge Bor. war - wie oben bereits ausgeführt (3. Abschnitt C.IV.4.) - vom 17.12.1942 bis 9.3.1943 im Arrestbunker des Blockes 11. Der Zeuge hat einen glaubwürdigen Eindruck gemacht. Das Gericht hat ihm geglaubt, soweit er den Angeklagten Boger belastet hat (vgl. 3. Abschnitt C.IV.4.). Die Erinnerung des Zeugen an den Angeklagten Boger war jedoch mit tiefgreifenden persönlichen Erlebnissen verbunden, die sich erfahrungsgemäss tief in das Gedächtnis einprägen. Der Zeuge sollte nach der Bunkerentleerung am 3.3.1943 selbst erschossen werden. Boger stand an diesem Tag unmittelbar an der Zelle, in der der Zeuge einsass. Er rief den Häftling Gestwinski, mit dem der Zeuge Bor. zusammen in einer Zelle war, aus der Zelle heraus. Bezüglich des Angeklagten Boger konnte der Zeuge konkrete Einzelheiten schildern, die er nach der Überzeugung des Gerichts nicht erfunden hat. Bezüglich des Angeklagten Mulka konnte der Zeuge keine konkreten Angaben machen. Der Zeuge hat erklärt, dass er nicht beobachtet habe, dass Mulka aktiv gewesen sei. Irgend ein Erlebnis, das mit der Person des Angeklagten Mulka in Beziehung gestanden hätte, hat der Zeuge nicht gehabt. Das Gericht konnte daher nicht die sichere Überzeugung gewinnen, dass die Erinnerung des Zeugen insoweit zuverlässig ist. Bedenken bestehen vor allem deswegen, weil kein Zeuge die Aussage des Zeugen Bor. bestätigt hat. Während der Angeklagte Boger eingeräumt hat, an Bunkerentleerungen teilgenommen zu haben, was von vielen Zeugen bestätigt worden ist, hat kein Zeuge ausgesagt, dass der Angeklagte Mulka jemals im Arrestbunker an Bunkerentleerungen teilgenommen habe.

Der Zeuge Se., der den Angeklagten Mulka gekannt hat, war vom 21.1.1943 bis 17.2.1943, also in der Zeit, in der auch der Zeuge Bor. im Bunker einsass, im Arrestbunker. Er hat nichts davon gewusst, dass der Angeklagte Mulka an Bunkerentleerungen